Ösi-TV

02.06.11

Von einer meiner liebsten "Mitstreiterinnen" in den tvforen: Jutta aus Graz

'Sagen wir, du bist der Scottie und beamst mich hoch!’

Erinnerungen an das österreichische Fernsehen der 60er, 70er und 80er Jahre

"Österreich: Ebenen, Berge, sehr unterschiedlicher Fernsehempfang.
Deshalb brauchen Sie nicht irgendeinen Fernsehapparat, sondern einen,
der für die österreichischen Empfangsbedingungen gebaut ist:
den Fernsehapparat mit dem Österreich-Kniff.
"

(Werbung aus der Grazer "Kleinen Zeitung" vom 4.1.1970)

 

Raumschiff Enterprise wurde im österreichischen Fernsehen zum ersten Mal im September 1973 im damaligen zweiten Programm, genannt "FS 2", ausgestrahlt. Um 21 Uhr ging’s los. Von da an war alles anders, denn von da an war ich Scottie, und meine Freundin Trixi immer Mr. Spock. "Sagen wir, Du bist der Scottie und beamst mich hoch", sagten wir, und fünf große Pappkartons waren unsere Kommandozentrale in der Tischlerei ihres Vaters.

 

 

"Oder, sagen wir", sagten wir, "Du bist die Anne und stirbst jetzt, und ich bin der James und sitze an Deinem Krankenbett." Der Tod von James Onedins erster Gattin Anne hatte uns so beeindruckt und mitgenommen, dass wir die Szene an die zehnmal nachspielen mussten. Trixis Jugendzimmer wurde mittels quer durchgespanntem Leintuch zum Schiff der Onedin-Linie, ich war auf ihrem Bett zwischen Plüschtieren, die wir uns wegdachten, aufgebahrt und musste mich langsam, sehr langsam von einer Krankheit hinwegraffen lassen. Und James, Trixi als James, ließ aus dieser rauhen Schale des Seemanns mit dem üppigen roten Backenbart, den wir uns dazudachten, den weichen Kern hervorbrechen. Ja, James Onedin hat damals wirklich geweint, und die Titelmusik, die wir mit einem Kassettenrecorder vom Fernseher aufgenommen hatten, umbrandete unsere schöne Szene immer wieder. So lange, bis wir Annes Tod verarbeitet hatten. Wir waren wohl eine Art Vorläufer des Videorecorders, denke ich heute. Und Trixi, die heute Programmiererin ist, sagt, wir hätten uns damals in ihrem Jugendzimmer eine virtuelle Welt gemacht, eine interaktive Simulation - ohne technisches Zubehör allerdings. Nur mit unserer Phantasie.

 

Peter Wyngarde als zynischer "Jason King" hat Trixi auch sehr gefallen. Ich hielt es mehr mit Jody und Buffy, den Zwillingen aus "Lieber Onkel Bill", die in der Früh immer Toast und Orangensaft an der Theke in Onkels Küche bekamen. Das war für mich Amerika. Amerika war einfach großartig! Außerdem hatten alle amerikanischen Kinder in den Serien, wie zum Beispiel in "Drei Mädchen und drei Jungen", allesamt sehr große Betten, die so richtig amerikanisch mit dem Fußende mitten ins Zimmer hineinragten - also nicht längs an der Wand standen, wie alle österreichischen Betten, die ich kannte. Amerika war toll. Und die Kinder hatten Jeans mit Stulpen. Wir Grazer Kinder hatten nur Stoffhosen und darunter zu warme, zu große Kinderstrumpfhosen, in die wir in der Früh bis fast zum Hals hineingebeutelt wurden, damit sie unten keine Falten machten und in den Schuhen drückten.

Lassie pflegten wir, bei Wurstsemmeln und Saft, am Boden sitzend anzuschauen, damit wir gleich unter den großelterlichen Wohnzimmertisch (aber es hieß nicht Wohnzimmer bei uns, es hieß "Fernsehzimmer") kriechen konnten, wenn Lassie beinahe im einstürzenden Stollenschacht begraben wurde.

 

Lassie war immer schlecht für die Nerven, ebenso Judy aus Daktari - die Erlebnisse eines Arztes im Dschungel. Judy kreischte und wir hatten feuchte Hände. Skippy, das Buschkänguruh, und Flipper, Flipper, gleich wird er kommen, waren nicht so schlimm. Dafür aber Fury, um deren edle Rassepferdfesseln und Hufe man ständig zittern musste, weil sie so empfindlich waren und auf den Wegen so viele gefährliche Steine lagen. Es konnte passieren, dass man sich ganz schnell eine Hand vor ein Augen halten musste, wenn die Spannung unerträglich wurde. Quasi: Halb wegschauen, halb hinschauen. Dafür genierte man sich dann und hoffte, dass es niemand bemerkt hatte. Bei Aktenzeichen XY ungelöst wiederum schauten wir Kinder merkwürdigerweise immer hin. Man hätte gern geholfen und der nächsten Polizeidienststelle einen sachdienlichen Hinweis gegeben, wer der Räuber einer Bankfiliale im norddeutschen Bad Segeberg gewesen war. Österreichische Fälle wurden, obwohl wir repräsentiert durch Peter Nidetzky waren, ja eher selten nachgestellt.

"Wir schalten nach Wien zu Peter Nidetzky"

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