1. Folge: Ein Pilot für jedes Wetter (von cessnaritter)

In der Ferne erkannte der Pilot trotz des Schneetreibens die Umrisse der Bucht von Good News Bay, die Lichter des Ortes und eine Meile östlich davon den Flugplatz. Der Cessnaritter, so nannte man ihn im Ort, kaum einer kannte seinen wahren Namen bis auf Dr. Paula Tracy, die Tierärztin und Naturforscherin, die bald hier eintreffen würde. Sie hatten sich an Bord der Werderania kennen gelernt, und auch wenn zwischen ihnen eine rein freundschaftliche Beziehung bestand, mochte er die kluge, besonnene junge Frau. Und da war ja auch noch der russische Arzt in Good News Bay, Dr. Few Master, der schon ungeduldig auf sie wartete, was ja auch an Bord der Werderania beschlossen worden war. Überhaupt war diese Reise sehr schicksalhaft für alle gewesen.
Auch ihn selbst hatte es hierher verschlagen, auch wenn ihm das Klima besonders im Winter nicht sehr zusagte. Aber im Sommer würde Alaska für ihn als Naturliebhaber ein kleines Paradies sein. Er hatte oft genug daheim in Deutschland die Tierreportagen im Fernsehen gesehen, die er stets in den von ihm so geschätzten öffentlich-rechtlichen Programmen verfolgen konnte. Doch davon hatte er in diesem Jahr noch nichts. Es war drei Tage vor Weihnachten, das Land lag unter einer dichten Schneedecke und die Biber hatten ein dickes Fell wie nie zuvor, wie es mal in dem alten Spielfilm "40 Wagen westwärts" mit Burt Lancaster hieß. Würde es noch lange Winter bleiben?
Aber zum Glück gab es in dem kleinen, aber aufstrebenden Ort Good News Bay genügend Möglichkeiten zur Zerstreuung. Da war z.B. das "Good News Baby's", eine kleine, noch erweiterungsfähige Kneipe, wo aber mit jedem Tag und jedem Eintreffen neuer Zuwanderer die Stimmung stieg, und in der er auch seiner zweiten Leidenschaft neben der Fliegerei frönen konnte, dem Hören alter Songs. Die Hauptsache für ihn war, dass sie nicht aus einem Werbespot stammten. Da viele der Einwohner des Ortes aus Deutschland und Österreich stammten, kam auch der deutsche Schlager nicht zu kurz.

Auch er stammte aus Deutschland, doch das Leben in der alten Heimat war ihm verleidet worden und so hatte er nach einem unverhofften Zufall in Alaska beschlossen, seine Brücken nach Hause endgültig abzubrechen, seine kleine, liebe 20 Jahre alte Cessna 172 aus Deutschland zu holen und hier im hohen Norden ein neues Leben zu beginnen. Er hatte mehrere Wochen für den Transferflug gebraucht. Über die Britischen Inseln und Island hatte er Grönland erreicht. Dann folgte die gefährlichste Etappe aus fliegerischer Sicht, denn Grönland musste man ohne stopp-over überqueren. Da hieß es Sekt oder Selters. Auf dem Flug gab es dann den Point of no return, das heißt, eine Stelle, an der man sich definitiv entscheiden musste: Umkehren oder weiterfliegen! Das hing mit der Reichweite einer Cessna zusammen, verirrte man sich und musste notlanden wegen Treibstoffmangels, sah es schlecht aus auf Grönland.

Aber er schaffte problemlos den ganzen Weg nach Alaska und nun schwebte er dem kleinen Flugplatz entgegen, der ihm schon ganz vertraut war. Der Schneefall hatte für einen Augenblick etwas nachgelassen und die Landung würde weniger kompliziert werden als erwartet. Und seine kleine, tapfere Cessna war sowieso ein zuverlässiges kleines Flugzeug..
Er wählte auf dem Transponder die Funkfrequenz von Beaver Falls, drückte den Knopf an seinem Steuerhorn und meldete sich: (eigentlich auf englisch, für alle, die kein englisch können, schon mal synchronisiert) "Beaver Falls Tower, hier ist die Delta Echo Golf Mike Foxtrott drei Meilen östlich vom Platz zur Landung!"
Es vergingen kaum drei Sekunden, da schnarrte es aus dem Lautsprecher: "Delta Mike Fox, alles klar zur Landung auf Bahn Null-neun!" Nicht nur der Flugplatz an sich, auch diese Stimme war ihm vertraut und nicht nur aus dem Lautsprecher seines Funkgeräts. Denn im Tower saß Gunter Gabriel, der ehemalige Sänger, der in Deutschland vor wenigen Wochen wieder mal in finanzielle Schwierigkeiten geraten war (man munkelte es zumindest in gut unterrichteten Kreisen eines Internet-Forums) und durch die Vermittlung seines alten Kollegen Heino hier im fernen Alaska seinen Unterhalt verdiente, indem er im Tower von Beaver Falls den Funkverkehr mit den Piloten aufrecht erhielt, wenn er nicht gerade im Baby Jane's seine alten Country-Songs grölte oder ziemlich besoffen war oder beides. Meistens stimmte er nach dem dritten Whisky das Lied "Hey Boss, ich brauch mehr Geld!" an und schielte zum Cessnaritter rüber, denn der hatte sich mit einer beträchtlichen Summe finanziell am Flugplatz beteiligt und war damit so gesehen schon etwas ähnliches wie ein Chef für Gunter. "Danke, Gunter. Delta Mike Fox"

Der Cessnaritter setzte die Landeklappen auf 10 Grad, dann hatte er auch schon den Platz erreicht, ging in den Queranflug, regelte die Klappen auf 20 Grad, lenkte dann über in den Endabflug, als er den Kirchturm von Good News passierte, korrigierte kurz den Kurs nach einem Blick auf seinen Kompass, nahm zwischendurch immer wieder die Nase der Maschine hoch, um nicht zu schnell zu werden und hielt dann schnurgerade passgerecht auf die Piste zu, die immerhin gut geräumt war, um sanft aufzusetzen. Während er an der, mit einer Lichterkette versehenen Tanne, die neben dem Tower stand, vorbeirollte in Richtung Hangar, wo er seine Cessna in den Hangar schieben würde, ließ er sich von Gunter die genaue Landezeit für sein Logbuch geben. "Sehen wir uns noch nachher bei Baby?" quäkte Gunters tiefe Stimme aus dem Lautsprecher. "Wahrscheinlich!" gab der Cessnaritter knapp zurück, eigentlich weniger begeistert.

Der Tag war lang gewesen, er hatte Post nach Anchorage gebracht und wieder welche mitgebracht. Und obwohl er leidenschaftlich gern flog, wollte er nun eigentlich endlich mit der Eröffnung seiner Flugschule beginnen, aber noch hatte sich niemand entschließen können. Dabei war es in diesem dünnbesiedelten, aber weiten Land fast wichtiger, fliegen zu können als autofahren. Aber da jeder Dollar zählte, war er vorerst für jeden Post-, Fracht- oder auch Taxiflug dankbar. Und obwohl er H. G. Werderaner, den Auftraggeber für die Postflüge, für einen arroganten Schnösel hielt, hielten ihn gerade eben diese Aufträge über Wasser bzw. in seinem Falle in der Luft. Seine Unabhängigkeit, die er hier in Alaska erreichen wollte, hing ganz von einem geglückten Start ab. Und er hatte Pläne betreffend des Flugplatzes, den Bau einer zweiten Start- und Landebahn. Er sah darin einen Vorteil für die sicherlich entstehender heimische Industrie, aber auch für den Tourismus, der Leute mit Geld heranbringen würde. Dies würde wiederum Naturschutzprojekte ermöglichen. Doch die derzeitige einzige Autorität am Ort war Sir Hilary, der Möchtegern-Sheriff , der sich noch uneinsichtig zeigte. Aber bis zur Wahl eines Bürgermeisters und einer richtigen Stadtverwaltung verging noch einige Zeit. Der Wahlkampf hatte gerade erst begonnen.
Aber darüber wollte er heute Abend nicht mehr nachdenken. Noch ein oder zwei Biere bei Baby Jane, dann wollte er auch bald schlafen gehen. Morgen hatte er noch einmal einen Auftragsflug, dann hatte auch er einige Tage frei wegen der Feiertage. Geschenke brauchte er nicht zu kaufen, denn er hatte ja niemanden im Ort, den er beschenken mußte. Ohne sich umzuziehen, stieg er vor seinem Bungalow, den er sich gleich neben dem Flugfeld errichtet hatte (eigentlich auch nur eine bessere Holzhütte) in seinen Wagen, der wie sein Flugzeug auch schon betagt war, ein dunkelroter BMW, der ebenfalls aus der Heimat stammte.
Es war noch früh am Abend und die meisten Leute, die zu Baby gingen, hatten ohnehin keinen langen Weg, so dass sie gleich ohne Auto kamen, bei dem Schneefall ohnehin. Daher fand er einen Parkplatz gleich gegenüber.
Er freute sich über das erste Bier des Tages und schritt schwungvoll auf den Eingang zu. Von drinnen hörte man bereits laute Stimmen, die Gäste waren wohl schon in Weihnachtslaune.

2. Folge: Der Brief (von Baby Jane)

Während die tapferen Frauen in der klirrenden Kälte die Schienen vom Schnee freischaufelten, spürte der Schaffner in der Brusttasche seiner Uniform etwas knistern. Meine Güte, der Brief! Er hatte vergessen, den Brief, den ihm der Postmeister am Bahnhof für die Damen in Abteil 6 zu treuen Händen überreicht hatte. "Äh, Miss, Miss", der Schaffner klopfte einer der schaufelnden und schwitzenden Schönen auf die Schulter, "Post für Sie". Paula Tracy nahm den Brief entgegen, riss das Kuvert auf und begann laut vorzulesen:

Good News Bay/Alaska, Dezember 05

Liebe Freundinnen,

ich sitze hier bei Minusgraden in der "Gaststube" im Baby’s. Meine Finger sind klamm, ich kann den Stift kaum führen ... und mir ist zum Heulen.

Vor drei Tagen sind wir angekommen, und Yeti-Klaus hat die Heizung noch immer nicht in Gang gebracht. Beim Einrichten der Kneipe stoßen wir nur auf Schwierigkeiten. Xhosas Plan stimmt mit den Maßen der Räumlichkeiten nicht überein – die große Tafel, die der Filmionärsclub bereits zustellen ließ, hat an keiner Wand Platz. Die Bierlieferung ist nicht angekommen. Dafür stand gestern ein alter LKW vor der Tür, vollbeladen mit Torten aus dem Hotel Sacher in Wien. Der Fahrer fragt: "Wohin damit?" Ich schlage die Hände über’m Kopf zusammen. Miss Scarlet ist doch noch gar nicht da! Yeti-Klaus versucht, mich zu beruhigen und schlägt vor, die Torten ins Eishaus hinter’m Baby’s zu lagern. Kühlschränke kennt man hier nicht. Wir schleppen 350 Sachertorten zum Eishaus – es gibt keinen Schlüssel dazu! Nun lagert dein Startkapital, liebe Scarlet, mit dem du dir hier deine Existenz aufbauen willst, im Schnee. Was hätten wir sonst tun sollen. Ich bin verzweifelt.


Nachts ist es eiskalt, wir schlafen in Anoraks und Wollpullovern. Habe mich gestern vor Heimweh in den Schlaf geweint. Yeti-Klaus schnarcht ein bisschen – werde ihm einen Tischtennisball hinten ins Futter seines Daunenanoraks einnähen, damit er sich von selber auf die Seite rollt.

Im einzigen Drug Store in Goodnews Bay gibt es keine Haarkur zu kaufen (bitte richtet Helli aus, sie soll drei Dosen mitbringen), das Toilettenpapier ist kratzig und der Ladenbesitzer versteht das Wort "Kontaktlinsenreinigungsmittel" nicht.


© by Baby Jane

Heute früh stand ein Mann vor der Tür und sagte, "Tach, Hübchen mein Name, ich bin der Schildermaler – ich liefere das Schild für Mister Tracys Tierarztpraxis." "Sie meinen Miss Tracy", sagt Yeti-Klaus und nimmt ihm das Messingschild aus der Hand. Herr Hübchen sagt gar nichts und geht. Auf dem Schild steht "Dr. Paul Tracy". "Alles geht schief!", heule ich auf. Liebe Paula, Yeti-Klaus sitzt nun seit zwei Stunden und versucht das fehlende "A" ins Metall zu kratzen. Wenigstens stimmen die Ordinationszeiten.

Zwischen den Eisblumen der Gaststubenfenster schaue ich manchmal zum Himmel hinauf. Wann wird endlich Cessnas Maschine auftauchen? Fliegt Reggae mit ihm?

Bitte kommt bald, ich vermisse euch alle.
Gute Reise!
Baby Jane

3. Folge: Ohne Bier bleib ich nicht hier (von cessnaritter)

Als er die Tür öffnete, sah der Cessnaritter, dass er sich geirrt hatte. Von Weihnachtslaune war nichts zu spüren. Immer noch herrschte das gleiche Chaos wie vor drei Tagen, als die neue Besitzerin mit ihrer Mannschaft angekommen war. Dabei hatte er sich so auf ein bis zwei Feierabendbiere gefreut. Aber danach sah es auch heute noch nicht aus. Warum musste die alte gemütliche Bude auch unbedingt umgebaut werden? Die einfachen Holzbänke und die Theke aus alten Brettern hatten es auch bisher getan. Bei den rauen Gestalten hier im Norden war es bisher gar nicht notwendig gewesen, eine schicke Kneipe zu führen, aber nun sollten neben den bisherigen Vergnügungen wie "alte Schlager grölen" und einfach was trinken ganz seltsame Dinge hinzukommen. Das hatte er vorgestern von der neuen Besitzerin erfahren. Das ganze Haus wurde erweitert, ein Filmionärsquiz sollte eingerichtet werden (auch wenn er noch nicht so richtig wusste, was das sein sollte) und die Krone des Ganzen war eine Art Wiener Caféhaus mit Sachertorte, Mokka, Einspännern und wie diese seltsamen Wiener Kaffeekreationen alle hießen. Er hatte gewiss nichts gegen Gemütlichkeit und Sauberkeit einzuwenden und einen gewissen Standard erwartete auch er, aber bisher war die alte Spelunke für ein, zwei Bieren und einem netten Gespräch unter Männern gut genug gewesen. nun aber schienen unzählige Weiber... äh, er verbesserte sich in Gedanken... Damen hier Einzug zu halten, und er war sich noch nicht schlüssig, ob sie nicht zu viel weibliche Note in die alte Holzfällerkneipe brachten. Der einzige Trost war, dass er die meisten schon von der Schiffsreise her kannte.

Er bahnte sich seinen Weg durch das wilde treiben der Handwerker und traf auf Baby Jane, die mit zitternden Händen und klappernden Zähnen versuchte, die Arbeiten zu überwachen. Plötzlich hörten sie aus dem hinteren Teil des Raumes einen Freudenschrei und der Yeti-Klaus vollführte dazu eine Art Siegestanz, jodelte dabei wie ein Irrer, sprang auf Baby zu, umarmte sie und wirbelte sie herum.

Baby war ganz außer Atem, als er sie endlich wieder absetzte. "Yeti!" rief sie entsetzt. "Was ist denn in dich gefahren?" "Ich habe die Heizung endlich ein Gang bringen können!" jubelte er und ein frohes Lächeln auf Baby Janes Gesicht machte sich breit. "Das hast Du aber fein gemacht, mein Yetilein!" lobte sie. Dann öffnete sie ihren Anorak und holte zwei Wärmflaschen, die sie sich auf Bauch und Rücken gebunden hatte, heraus. Cessnaritter schmunzelte, er hatte sich nämlich schon über die etwas unförmigen Konturen der sonst so reizenden Wirtin gewundert. So schnell hatte sie sich doch in den 2 Tagen seiner Abwesenheit wohl nicht verändern können.

Wie auf ein Zeichen hin, kamen plötzlich bei den meisten Anwesenden diese mit heißem Wasser gefüllten Gummiblasen zum Vorschein und zum Schluss lagen 20 Wärmflaschen auf der Theke.

"Nun ja, immerhin wird's jetzt gemütlich warm bei Euch! Aber Bier gibts wohl heute keines mehr?" sagte er mit fragendem Gesichtsausdruck. Baby schüttelte nur den Kopf und Yeti seufzte. "Nein, leider immer noch nicht, keine Getränke im Haus, nur Wasser!" "Dann muss ich wohl nach nebenan in den Drugstore zu dieser Hannelore, um mir einen Sechserpack zu holen!" sagte Cessnaritter voller Enttäuschung, denn dort gab es nur amerikanisches Bier, das er gar nicht mochte, obwohl es sicherlich noch besser war, als das, was die Amerikaner demnächst als Wein verkaufen wollten, so ein gepantschtes Zeug mit allerlei Zusätzen und in den abenteuerlichsten Geschmacksrichtungen. "Nun, wie dem auch sei! Ich hoffe aber beim nächsten Mal!" sagte er, winkte mit der Hand in die Runde zum Abschied und verließ die Baustelle.

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