14. Folge: Wo ist
der Graf? (von Paula Tracy)
Kat
sah sich Hilfe suchend zu Reggae-Gandalf um. "Habt Ihr noch ein Zimmer
frei?" fragte sie. "Prost!" rief Thorax, doch die anderen ignorierten ihn.
Beleidigt wandte sich der Gewerkschaftsvorsitzende wieder seinem Bier zu.
Reggae-Gandalf nickte. "Ja, zwar nicht aufgeräumt, aber es ist ein Bett
drin, und das braucht er ja wohl dringend."
"Helli, hilfst Du mir?" fragte Kat die Gräfin, die natürlich bereitwillig
mit Kat den gut aussehenden Neuzugang aufrichtete. Dieser warf ihr einen
interessierten Blick zu, und Helli senkte die Augen. Nanu? Was war denn das
für einer? Erst behauptete er, wegen Kat hier zu sein und nun ließ er sie
nicht aus den Augen?
Gemeinsam brachten die beiden Frauen den Unbekannten auf sein Zimmer,
Reggae-Gandalf eilte voraus und schlug die Bettdecke zurück. "Dreh die
Heizung auf, Helli", sagte Kat. "Er braucht dringend Wärme. Gandalf, hol’
noch ein paar Decken mehr! Ich brauche nicht so viele – Helli, wie sieht es
bei Dir und Ninschen aus? Braucht Ihr alle Decken?" "Du kannst Danilos
Decken haben", sagte Helli. "Er braucht keine Decke." Kat sah sie irritiert
an, sagte aber nichts. Überhaupt sehr merkwürdig – sie hatte den Grafen seit
ihrer Ankunft noch nicht gesehen – gut, sie war noch nicht lange hier, und
er war noch nie der geselligste gewesen, aber warum war er nicht in der
Kirche gewesen, warum ließ er sich nicht blicken? Merkwürdig – sie musste
das gleich unbedingt mit ihren Freundinnen erörtern. Vielleicht wusste Baby
Jane was – die war ja schon länger hier.
In der Gaststube pirschte sich Kaschi währenddessen an den Schamanen heran,
der offensichtlich Freundschaft mit Thorax und Rosenelf geschlossen hatte.
Er zog ihn beiseite und flüsterte ihm etwas zu. Nachdenklich musterte
Spacefalcon den Ingenieur, dann nickte er vorsichtig. Kaschi steckte ihm
darauf hin ein paar Scheine in die Hand, und Spacefalcon wandte sich wieder
dem edlen Gerstensaft zu.
Ona und Paula kamen wieder in
die Gaststube hinab, Scarlet war erst einmal bei dem Baby geblieben. Ona
warf dem Klavierspieler, der wohl zum hundertsten Mal an diesem Abend "White
Christmas" spielte, einen feurigen Blick zu, bevor sie wieder in der Küche
entschwand, um einen kleinen Mitternachtsimbiss vorzubereiten. Gunter
Gabriel und Heino standen auf und sangen ein kleines Duett, und niemandem,
außer dem Cessnaritter, fiel auf, dass Gunters Text ein komplett anderer
war. Alle anderen sannen über die Ereignisse dieses Abends nach und
rätselten, wer der geheimnisvolle Fremde war – und zu wem der kleine Junge
gehörte. "Ein echtes Christkindl", strahlte Baby Jane ihren Yeti-Klaus an.
"Ach mein Klausi, wäre es nicht schön, wenn wir auch..." Doch Yeti-Klaus
hörte gar nicht zu, er musterte besorgt die verbleibenden Bier-Vorräte.
"Wenn das so weitergeht, Baby, dann haben wir Silvester wieder kein Bier",
murmelte er. "Dieser Schamane hat uns zwar Bier gebracht, ist aber sein
bester Kunde. Es ist ein Teufelskreis! Thorax arbeitet nicht, wenn er kein
Bier hat, aber wenn er Bier hat, kann er nicht arbeiten. Wir sollten etwas
unternehmen – wir brauchen eine Art eingeschränkte Prohibition. Und einen
Bürgermeister, der so was erlässt." Der Doktor, der das Gespräch mit
verfolgt hatte, beugte sich interessiert vor. "Du willst den Alkohol
verbieten, Klaus?" "Nein, nicht ganz – ich will ihn rationieren! Zumindest
so lange, bis diese Stadt vollständig aufgebaut ist. Und vor allen Dingen:
Bier erst ab Einbruch der Dunkelheit! Was auch wichtig ist: wir brauchen
eine Brauerei. Das teure Bier immer aus Anchorage einfliegen zu lassen,
kostet ein Heidengeld. Direkt nach den Feiertagen rede ich mit Werderaner,
er muss Dampf machen – wir warten schon seit Wochen auf die Anlagen. Und
einen Ingenieur für die Maschinen brauchen wir auch!" "Na, den habt Ihr
doch", sagte Few Master. "Kaschi braucht eine Aufgabe. Und ob er sich um
Schiffsmotoren oder Brauereianlagen kümmert..." "Eine gute Idee!" rief Baby
Jane aus. "Kaschi soll die komplette Anlagentechnik in der Brauerei
übernehmen!" "Eigentlich brauche ich ja auch einen Mechaniker", mischte sich
der Cessnaritter ein. "Ich kann zwar fliegen, aber von der Mechanik verstehe
ich nicht allzu viel..." "Das kann Kaschi nebenbei machen", sagte Baby Jane
leichthin. "So viel wird das schon nicht sein." Der Cessnaritter zuckte die
Schultern. Frauen! Dachten immer, alles wäre so leicht. Marjorie auch! Die
hatte sich prompt geweigert, in seiner Hütte zu bleiben, bloß weil er noch
kein fließendes Wasser hatte. Meine Güte, draußen lag der Schnee meterhoch,
warum brauchte man da fließendes Wasser? Er hatte einen Ofen, das reichte,
um Schnee zu schmelzen und zu wärmen – warum war sie nur so anspruchsvoll?
Nun
kam auch Kat wieder hinein, und sofort war sie von ihren Freundinnen
umringt. "Kat! Wer ist Dein Freund? Was macht er hier? Und was ist das für
ein Kind?" Kat sah ein wenig hilflos aus. Wie sollte sie das nur erklären?
Ja, wer war der geheimnisvolle Fremde? Und wo war Graf Danilo? Was hatte
Kaschi mit dem Schamanen zu munkeln? Und würde Cessna Marjorie noch
überreden können, mit in seine Hütte zu ziehen? Würde das Bier bis Silvester
reichen? Könnte Yeti-Klaus ein Alkoholverbot vor Einbruch der Dunkelheit
durchsetzen? Und wie weit waren eigentlich Tom und Xhosa mit der Planung der
Gebäude? Wieder Fragen über Fragen...
15. Folge: Ein Bürgermeister für
Goodnews Bay (von Paula Tracy)
"Wir
geben Dich nicht mehr her, nein, wir geben Dich nicht mehr her", gurrte Baby
Jane, die bereits seit zwei Stunden mit dem kleinen Jungen schäkerte, der
zwischen ihr und Yeti-Klaus lag. "Klausi, ich habe mit Rosenelf gesprochen.
Er ist handwerklich sehr begabt und wird Fritzchen eine Wiege bauen."
„Fritzchen?" Yeti-Klaus war entsetzt. "Du willst ein armes unschuldiges Kind
Fritzchen nennen?" "Schlimmer als Willi oder Gandalf ist das auch nicht",
verteidigte sich Baby Jane. "Es klingt so niedlich."
Yeti-Klaus seufzte. Heute nacht würde es wohl keinen Schlaf geben. Gott sei
Dank hatte man gestern beschlossen, die Gaststube am Weihnachtstag erst um
14.00 Uhr aufzuschließen. Die Bewohner konnten auch von Hannelore Kaffee und
Sandwiches bekommen. Außerdem war Weihnachten. Er gähnte. Irgendwie ging ihm
trotzdem dieses eingeschränkte Alkoholverbot nicht aus dem Kopf. In diesem
Ort musste dringend einiges geregelt werden!
"Baby,
wir müssen einen Bürgermeister wählen!" sagte er entschieden und stand
wieder auf. Fritzchen sah ihn erstaunt an, und Baby Jane grinste. "Ja, der
Onkel Klaus ist schon ein ganz entschlossener, gell, mein Kleiner?" "Ich
meine es ernst!" rief Klaus. "Sir Hilary bildet sich ein, wie im wilden
Westen den Sheriff spielen zu können, Gewerkschaften werden gegründet, ohne
eine Satzung zu haben, der Bau der Brauerei geht nicht voran, Cessna braucht
dringend eine neue Startbahn – das muss doch geregelt werden. Wir brauchen
einen Bürgermeister und einen Stadtrat. Je eher, desto besser. Dieses
Alkoholverbot muss dringend beschlossen werden." "Ja... Aber... Wie willst
Du das anfangen?" fragte Baby Jane. "Wir werden übermorgen eine Versammlung
anberaumen und zwei oder drei Wahlkandidaten festlegen", Yeti-Klaus war
jetzt total aufgeregt. "Die Wahl kann dann am 15. Januar stattfinden. Da
Eile geboten ist, muss das ganz schnell gehen." "Und wer soll sich zur Wahl
stellen?" Baby Jane war nicht überzeugt. "Außerdem: gibt es nicht immer eine
Art Wahlkampf? Ein Programm?" "Versteh doch Baby, dazu haben wir keine
Zeit!" rief Yeti-Klaus ungeduldig. Fritzchen verzog das Gesicht, und Baby
Jane nahm ihn tröstend in den Arm. "Und wer sollte Deiner Meinung nach
Bürgermeister werden?" fragte Baby Jane und schaukelte das Kind, das sie
fasziniert anschaute. Irgendwie schien es ihr, als habe es Yeti-Klaus'
Augen... Aber das konnte ja wohl nicht sein. "Nun..." Yeti-Klaus ließ sich
aufs Bett fallen. "Es müsste jemand mit Erfahrung sein. Jemand, der schon
mal in irgendeiner Weise politisch tätig war. Du weißt, Baby, ich war
früher, bevor das mit uns beiden begann, mal Betriebsrat... Ich könnte..."
Baby Jane ließ vor Schreck beinahe das Kind fallen. "Du? Du willst
Bürgermeister werden? Aber... wer soll denn das 'Good News Baby's' führen?"
"Ach – Bürgermeister ist ein Ehrenamt. Das kann man nebenbei machen",
erklärte Klaus. "Außerdem ist es vor allem Deine Gaststätte." "Aber jetzt
ist Fritzchen doch da", ereiferte sich Baby Jane. "Irgend jemand muss sich
doch um den Kleinen kümmern. Und außerdem wollte ich mich endlich beruflich
verwirklichen. Die Couch für meine psychotherapeutische Praxis ist schon
da..." Sie überlegte. "Paula war ja auch mal Betriebsrätin", meinte sie
dann. Yeti-Klaus lachte. "Paula! Ich lach’ mich krank. Die und
Bürgermeisterin! Nein – keine Frauen in der Politik. Das führt zu nichts.
Außerdem hat sie ihre Tierarztpraxis und ihren Doktor, dem sie helfen will.
Und den Flugschein machen wollte sie auch. Ich sag’ Dir eins, Baby: Frauen
haben in der Politik nichts zu suchen." Baby Jane sah ihren Yeti-Klaus an,
als sähe sie ihn zum ersten Mal. Doch sie sagte nichts. Morgen würde sie
gemeinsam mit Ona überlegen, wie sie die Kandidatur – ggf. dann auch die
Wahl – von Yeti-Klaus zum Bürgermeister verhindern konnte. Keine Frauen in
der Politik! Das war ja lachhaft. Dem würde sie es zeigen. Die Frauen von
Goodnews Bay würden eine perfekte Kandidatin präsentieren und dafür sorgen,
dass diese auch gewählt wurde. Nur finden müsste man die erst mal –
freiwillig würde dieses Amt sicher keiner machen wollen. Denn wer hatte
schon Lust, einen Möchtegern-Sheriff wie Sir Hilary im Zaum zu halten oder
einen faulen Gewerkschafter bei Laune? Aber ganz unrecht hatte ihr Klaus ja
auch nicht – wenn es ohne Regeln ging, war es schön, doch hier ging es
wirklich nicht mehr ohne. Aber jetzt ging es erst einmal darum, ihren
Verlobten von diesem Thema ein wenig abzulenken.
"Von
wem war eigentlich das Telegramm, das Hannelore Dir mitgebracht hat?" fragte
sie. "Ach – das war von Falk", meinte Yeti-Klaus, der nicht bei der Sache
schien. Im Geiste sah er schon die Reformen vor sich, die er als künftiger
Bürgermeister erlassen würde. "Von Falk? Falk schickt Dir Telegramme?" Nun
war Baby Jane empört. Wieso nicht ihr – und vor allen Dingen – nicht Kat?
"Er will Kat zu Silvester überraschen!" sagte Klaus. "Baby, denkst Du, dass
es in Ordnung wäre, Alkohol erst ab 21.00 Uhr zu erlauben?" "Da wird sie
sich aber freuen. Aber... wieso schreibt er Dir das und nicht mir?" "Er
meinte, Du könntest es nicht für Dich behalten. Er bringt übrigens die
Forenmanager mit, auch eine Überraschung für Det also. Ralf und Armin
wollten erst nicht, aber dann hat Henning ihnen erzählt, dass es hier keinen
Internetanschluss gibt, und da wollten sie plötzlich unbedingt mit." Baby
Jane musste lachen, obwohl sie es noch immer empörend fand, was ihr Ex-Mann
da von sich gegeben hatte. "Ich finde es so schön, dass wir alle – oder fast
alle – wieder zusammen sind. Ich vermisse Leo und hoffe, sie kommt bald,
Kaschi tut mir fast ein wenig leid. Few hat recht, er braucht dringend eine
Aufgabe." Yeti-Klaus zog die Daunendecke über sich. Es war wirklich verdammt
kalt in diesem Land. "Was hat Kat eigentlich damit gemeint, als sie Dich
fragte, wo Fischkrepp ist? Ich meine Danilo." "Nun ja – komisch ist es ja
wirklich, dass ihn seit seiner Ankunft hier niemand gesehen hat", rätselte
Baby Jane. "Ich traue mich nicht so recht, Helli darauf anzusprechen und
habe auf Kat gehofft. Die beiden hatten immer einen guten Draht zueinander.
Mich interessiert ja viel mehr, wer dieser Mann ist, der uns Fritzchen
gebracht hat... Aber aus Kat war ja nichts herauszubringen. Und Helli war
aus seinem Zimmer nicht herauszubringen... Sehr, sehr merkwürdig, das ganze.
Und Ninschen – ob sie was weiß? Ich meine, von Danilo." Yeti-Klaus lachte
gutmütig. Die Gedankensprünge war er schon gewohnt. "Wir sollten in jedem
Fall Tom als Rausschmeißer engagieren", meinte er. "Als er anfing zu singen,
war das Lokal innerhalb einer Viertelstunde leer. Sonst säßen wir wohl immer
noch unten." "Nun ja, Thorax und der Schamane ließen sich ja nicht
vertreiben", erwiderte Baby Jane. "Die sitzen immer noch unten. Und Tom
auch. Wenn die den noch in ihre Biergewerkschaft aufnehmen, kriegen wir nie
Struktur in diese Stadt. Da nutzen selbst Xhosas Pläne nicht viel – wenn sie
niemand ausführt. Sie tut mir richtig leid." "Eben deshalb brauchen wir
einen Bürgermeister!" murmelte Yeti-Klaus. "Lass uns schlafen, Baby. Gute
Nacht!" Er drehte sich um. Sein Baby! Meine Güte, was die mal wieder dachte.
Frauen in der Politik. Niemals! Er schloss die Augen und träumte von seiner
zukünftigen Arbeit als Bürgermeister von Good News Bay.
16. Folge: Gedankenspiele
(von Deckard)
Klein Fritzchen kuschelte sich in seine Decke. Endlich war er im Warmen -
nachdem er so lang die Eiseskälte Alaskas auf der zarten Babyhaut zu spüren
bekommen hatte. Viel weiter zurück reichte seine Erinnerung nicht - doch
eines wusste er: Seine Mama hatte er schon lange nicht mehr gesehen und
gespürt. Immer nur diesen fremden Mann, der ihn durch die Kälte schleppte
und den er nicht kannte und auch nicht sonderlich mochte. Doch dann, als er
ins Warme getragen wurde, da nahm er ihren Duft sofort war.... MAMA!!! Sie
war in diesem Raum... und sie war ihm ganz nah - und duftete noch immer so
gut wie damals, als er sie zum ersten und zum letzten Mal gerochen hatte.
Endlich zuhause...
Klein Fritzchen gähnte herzhaft, ließ einen gar nicht babyhaften Furz fahren
(für die Österreicher: "Schas") und schloss die Augen. Zeit für ein
ausgedehntes Schläfchen.
Unten in der Bar schenkte sich der Schamane gerade sein fünftes Bier ein.
Nichts desto trotz waren seine wolfsartigen Augen hellwach - und flitzten
unruhig hin und her. Was ihm Kaschi da vorgeschlagen hatte, war nicht
uninteressant - wenn auch gefährlich! Aber Gefahren war er ja gewohnt; er
war nicht umsonst in der Wildnis aufgewachsen. Auf alle Fälle musste die
Sache geheimgehalten werden, das stand fest. Diese Europäer hatten ohnehin
schon genug Unruhe in Goodnews Bay gebracht - und jetzt, gerade eben, war
auch noch die Rede von einem Bürgermeister und einem Stadtrat! Das war
wieder typisch - erst wollten sie in die Wildnis auswandern, weil ihnen die
Zivilisation mitsamt ihrem Stress und ihren tausend Regeln auf die Nerven
ging; und sobald sie da waren, setzten sie alles daran, genau diesen Stress
in die Wildnis zu bringen. Na ja - sollten sie. Er wusste, was zu tun war.
Und er würde es schon sehr bald tun...