4. Folge: Die Salami
im Schnee (von Paula Tracy, gesponsert
von "Bifi")
"Hast Du noch ein Stück Salami, Fewie?" Dr. Few Master drehte sich um und
sah seinen Freund Kaschi, der zähneklappernd hinter ihm stand, irritiert an.
"Nein, ich habe Dir doch alles gegeben – das kannst Du doch unmöglich alles
aufgegessen haben?" Kaschi kramte in seinem überdimensionalen Rucksack, in
dem sich neben der kompletten Goldschürferausrüstung auch noch ein kleiner
batteriebetriebener Generator befand. Der Doktor, ebenfalls mit einem
riesigen Rucksack auf dem Rücken, trug das Zelt und die beiden Schlafsäcke.
Kaschi schüttelte den Kopf. "Nein, natürlich nicht, aber ich hab’ nichts
mehr – und wir haben schätzungsweise noch mindestens einen Tag vor uns,
bevor wir Goodnews Bay erreichen." "Gib zu, Du hast Lassie was gegeben",
rief Few Master erbost. Er musterte den Husky, der sich an Kaschis Beine
schmiegte, misstrauisch. Er war ihnen vor ein paar Tagen zugelaufen und wich
Kaschi seitdem nicht mehr von der Seite. Doch auch diesmal schüttelte Kaschi
den Kopf. "Lassie frisst keine Salami, ich hab's versucht, ich geb's zu.
Aber sie wollte nicht."
Der Doktor ließ sich auf den Boden fallen. "Wir hätten viel früher
aufbrechen sollen. Man sieht die Hand vor Augen nicht vor lauter Schnee. Ich
weiß schon gar nicht mehr, ob wir in die richtige Richtung laufen. Und
welcher Tag heute ist..." Kaschi tat es ihm gleich und brummelte: "Wenn sich
dieser Ausflug wenigstens gelohnt hätte! Wir hätten auf Cessna hören sollen,
der hat gleich gesagt, dass es kein Gold mehr in Alaska gibt." "Cessna ist
ein Klugscheißer!" fuhr Few auf. "Kaschi, ich sag' Dir eines: wir werden in
keinem Fall zugeben, dass wir nichts gefunden oder uns verirrt haben!
Wichtig ist, dass wir Haltung und Würde bewahren. Gott sei Dank sieht uns
keine der Frauen. Oder Butermaker oder Hilary." Kaschi schwieg. Er sah das
etwas anders und wusste gar nicht, warum sein Freund da so empfindlich war.
Aber egal – er war verdammt hungrig und er froh erbärmlich. Er sah auf seine
Uhr und das eingestellte Datum. "Bald ist Heiligabend. Glaubst Du, dass Kat,
Paula und Scarlet noch kommen werden?" "Keine Ahnung!" brummte der Doktor.
"Mir doch egal." "Haste Ärger mit Paula?" fragte Kaschi mitfühlend. "Kann
ich nicht verstehen, die ist doch in Ordnung." "Ja, Du unterhältst Dich ja
auch stundenlang mit ihr über
Lassie,
Flipper und Fury!" fauchte der Arzt. "Das ist ja auch unterhaltsam, aber
ich sage Dir – die kann verdammt anstrengend sein. Sei froh, dass Leo noch
nicht da ist – bei der Gelegenheit, warum eigentlich nicht? So groß kann die
Sehnsucht ja wohl kaum sein", stichelte er. "Hey, das macht doch keinen
Sinn, wenn wir uns jetzt auch noch streiten", lenkte Kaschi ein. "Und weiter
hier rumsitzen bringt auch nichts – wir müssen weiter. Good News Bay müsste
dort liegen", er wies in Richtung Süden. "Wenn wir heute nacht nur eine
Pause von vier Stunden machen, müssten wir es schaffen, morgen Abend da zu
sein." "Wenn es die richtige Richtung ist", warf Few ein. "Wenn nicht, wird
Baby Jane sicher Cessna schicken, uns zu suchen", beruhigte Kaschi. Er
duckte sich ein wenig, als er den wütenden Blick seines Freundes sah. Aber
Stolz hatte eben seine Grenzen, fand er. Er wollte jedenfalls Weihnachten
unterm Baum sitzen und am liebsten mit Pete Morgan und Paula Tracy die
Weihnachtsfolge von Lassie ansehen. Gott sei Dank hatte Pete den DVD-Player
dabei und Det den schönen großen Monitor!
Die
beiden stapften weiter. Der Schnee wurde immer dichter, die Flocken hatten
sich in Kaschis Bart und seinen Wimpern festgesetzt, sogar in den
Nasenlöchern war der Schnee zu spüren. Da – ein Glitzerpapier im Schnee! Was
hatte das zu bedeuten? "Fewie!" rief er. "Warte mal!" Er hielt ihm das
Papier hin, und beide lasen: "Bifi – die Minisalami". "Wir sind im Kreis
gelaufen!" rief Dr. Few Master. "Wir waren wahrscheinlich gestern Abend
schon mal da, denn wie soll sonst das Papier hier hin gekommen sein?" Kaschi
sah ihn skeptisch an. "Nein, das glaube ich nicht. Ich denke eher, dass
jemand anders hier war..." Er stockte. "Hast Du das gehört?" "Was?" "Na, da
hat doch jemand gerufen, Fewie, hörst Du das nicht?" Der Arzt riss seine
Fellmütze ab. Tatsächlich – sehr weit entfernt konnte man ein schwaches
"Hilfe" vernehmen. Ein Grinsen ging über das Gesicht von Few Master. "Wenn
ich nicht genau wüsste, dass er sehr, sehr weit weg ist – nämlich in
Premiere-Deutschland – würde ich denken, das ist Butermaker, der da so
schreit... Aber der kann es ja nicht sein." Kaschi zog seinen Freund
aufgeregt mit. Lassie rannte schwanzwedelnd voran und blieb dann vor einem
Häufchen Elend, das tief im Schnee versunken schien, stehen. Die beiden
Männer stapften, so schnell sie konnten durch den tiefen Schnee...
Was oder wen hatte Lassie, der Husky, gefunden? Den Weihnachtsmann? Das
Christkind? Oder war Mr. Butermaker vielleicht doch nicht in
Premiere-Deutschland, befand er sich noch in Alaska und hatte den beiden
Freunden die letzte Salami geklaut?
Würden die beiden rechtzeitig in Good News Bay eintreffen? Würde Kaschi
unterm Weihnachtsbaum das Lassie-Weihnachtsspecial sehen können? Oder hatte
Pete Morgan das am Ende gar nicht dabei? Und hatte Ona genügend Plätzchen
gebacken? Und was viel wichtiger war: würden Few Master und Kaschi mit Würde
und Haltung aus der ganzen Goldschürfer-Geschichte herauskommen?
Schalten Sie ein, wenn es bald wieder heißt: "Alles Alaska"!
5. Folge: Auf zur Suche
(von cessnaritter)
In
beinahe dem gleichen Augenblick, als die beiden verhinderten Goldsucher den
Hilferuf in der Wildnis der kanadischen Wälder vernahm, trat der
Cessnaritter aus dem "Good News Baby's" auf die Straße. Es hatte wieder zu
schneien begonnen, Bing Crosby hätte seine Freude daran gehabt. Aber
schließlich waren ja "Weiße Weihnachten" in Alaska eine völlig normale
Sache.
Er ging nebenan in den Drugstore, der noch geöffnet hatte. Dort wollte er
eigentlich nur das Bier kaufen und vielleicht ein paar Salzkekse dazu. Aber
dann stöberte er doch ein wenig durch den Laden, der zwar nicht groß war,
aber immerhin die verschiedensten Dinge anbot. Am kleinen Regal mit den
Duftwässern hielt er an und ließ seinen Blick über die Fläschchen und
Flakons schweifen. Er überlegte kurz, ob er sich das neue Rasierwasser
leisten wollte, das auf einem Plakat angepriesen wurde. "Nacht in Alaska"
hieß es. Er öffnete die Flasche, schnupperte kritisch, gab einen Spritzer
davon auf den Handrücken und nahm dann eine Geruchsprobe. Nun, er fand es
gar nicht schlecht und der Preis von fünf Dollar schien ihm angemessen.
Schließlich war Weihnachten und da ihm wahrscheinlich niemand etwas schenken
würde, entschloss er sich zum Kauf. Dazu nahm er dann noch neue Klingen für
seinen Rasierer und Rasierschaum, legte noch das Bier und die Kekse in den
Einkaufswagen und rollte damit zur Kasse.
Die blonde Hannelore stand am Verkaufstresen und tippte die Beträge ein.
"Die Bahnstrecke ist zugeschneit, der Zug ist steckengeblieben. Schon
gehört?" Der Cessnaritter, der in der Zwischenzeit sein Portemonnaie
hervorgeholt hatte, blickte auf. "Nein, das wußte ich noch nicht!" Dann wird
sich ja die Ankunft der erwarteten Freundinnen von Baby Jane verzögern,
dachte er. "Ich habe es vorhin im Radio gehört, die Eisenbahndirektion hat
es durchsagen lassen. Die armen Fahrgäste, und vor allem die Mädchen! Ach,
ich sag's ja immer, das Wetter in Alaska ist manchmal wirklich zu brutal.
Und dann sage ich ja auch immer...."
Was
Hannelore sonst noch immer sagte, erfuhr er nicht mehr, wortlos hatte er das
Geld auf den Tisch gelegt, seine Einkäufe in die Plastiktüte gesteckt und
war geflüchtet. Wenn diese Frau erst einmal anfing zu tratschen und zu
klatschen, wurde man allein vom Zuhören heiser. Hannelore blieb fassungslos
und vor allem sprachlos und mit offenem Mund stehen und blickte dem
Cessnaritter hinterher.
In
seiner Hütte am Flugplatz angekommen, machte er zunächst ein Feuer im Kamin,
als die Holzscheite lustig prasselten und wohlige Wärme verbreiteten, rückte
er den alten, bequemen Sessel heran und ließ sich mit einem Bier und den
Cräckern darin nieder. Nachdenklich betrachtete er das Feuer und freute sich
an dem Anblick. Es wärmte ihn und er musste an die Passagiere im Zug denken,
die nun da draußen festsaßen, gefangen in der Schneewehe. Hier in der Gegend
gab es nur einen, der in so einer Situation Freude empfand, wenn der Schnee
meterhoch lag und nichts mehr ging. Er war ein seltsamer Kauz, ein Schweizer
namens montaseri, der hoch droben auf dem Berg in einer Bockhütte hauste,
nicht mal ein Auto hatte und es am liebsten gesehen hätte, wenn es nie
Sommer geben würde in Alaska.
Ganz in seine Gedanken versunken, von den Anstrengungen des Tages erschöpft,
vom Bier und der Wärme des Feuers sank er in tiefen Schlaf. Mitten in der
Nacht, fast schon am frühen Morgen, schreckte er hoch. Das Feuer war
erloschen, es war etwas kühl im Raum und er wunderte sich, dass er im Sessel
eingeschlafen war. Dabei hatte er etwas Seltsames geträumt, von den Frauen
im eingeschneiten Zug, die mit Schaufeln versuchten, die Schienen frei zu
räumen.
Er
ging in die Küche und kochte sich einen Kaffee und überlegte. Ein Blick aus
dem Fenster zeigte ihm, dass der Schneefall aufgehört hatte, der Himmel war
fast wolkenfrei, er konnte die Sterne am nördlichen Nachthimmel deutlich
sehen. Er fasste einen Entschluss. Schnell duschte er, füllte seine
Thermoskanne mit Kaffee, nahm aus dem Kühlschrank ein paar Würstchen und
verließ das Haus.
Zunächst stapfte er zum Hangar, tankte sein Flugzeug voll, checkte die
Funktionstüchtigkeit der Maschine. Dann ging er nach nebenan, und stieg die
Treppe hinauf zum Tower. Gunter war natürlich noch nicht da, obwohl der
Cessnaritter einige Zeit gebraucht hatte, um alles klar zu machen, war es ja
auch erst kurz vor sieben Uhr. Gunters Dienst begann im Winter erst um acht
Uhr. So vermerkte er seinen Abflug auf einer Wandtafel, trug mit Kreide
seine Abflugzeit ein und das Flugziel, das in diesem Fall ein Rundflug war.
Dann funkte er die Wetterwarte Seward auf der Kenai-Halbinsel an und fragte
nach den voraussichtlichen Wind- und Wetterverhältnissen südlich des über
4000m hohen Mount Marcus Baker. Er erfuhr, dass in den Bergen noch
Schneefall herrschte, aber bald nachlassen würde, über dem
Prinz-Williams-Sund war es schon klar und niederschlagsfrei.
Also
entschloss er sich dazu, immer nah der Küstenlinie zu bleiben, und ohnehin
führte die Bahnlinie ja dort entlang. Wenn er noch Zeit hatte, wollte er
noch einen Abstecher nach Norden machen, vielleicht konnte er Kaschi und den
Doktor irgendwie entdecken und ihnen zumindest mit seinem Flugzeug die
Richtung nach Good News Bays anzeigen. Er steckte noch ein paar zusätzliche
Leuchtraketen ein und ging dann zu seiner Maschine. Er startete den Motor
und stellte das Funkgerät auf die Frequenz der Flugkontrolle von Anchorage
ein.
"Anchorage Flugkontrolle, Delta Echo Golf Mike Foxtrott auf dem Flugplatz
Beaver Falls zum Rundflug an der Küstenlinie Richtung Anchorage.!" Es
rauschte und knackte eine Sekunde lang, dann hörte er deutlich und klar die
Stimme aus dem Lautsprecher: "Delta Mike Foxtrott, wir haben verstanden und
nehmen sie auf den Radar! Start nach eigenem Ermessen!" "Danke Anchorage,
Delta Mike Fox!"
Der Cessnaritter zog den Gashebel, lenkte die kleine Cessna auf die
Startbahn, dann gab er noch mehr Gas, kam auf Touren und bei 65 Knoten zog
er das Steuer an sich heran und hob ab. Dann senkte er leicht die Nase, um
nicht zuviel an Geschwindigkeit zu verlieren, was zum Störungsabriss und
damit zum Absturz führen konnte. Und während der Morgen über Goodnews Bay
heranbrach, stieg die blau-weiß-rote Cessna in den Winterhimmel über Alaska.
Was würde der Cessnaritter auf
seinem Rundflug entdecken? Hat Hannelore inzwischen wieder sprechen können?
Welche Cräckersorte bevorzugt der Cessnaritter? Es bleibt spannend! Schalten
sie auch bei der nächsten Folge wieder ein!
6. Folge: Der
Huskyflüsterer (von Ona und
Baby Jane)
Baby
Jane schaute seufzend auf ihre Aufgabenliste:
• Das Bier-Thorax-Problem
• Die Einrichtung der Bar
• Die Organisation der Weihnachtsfeier und das Essen dazu
• Ein heute eingetrudeltes Protestschreiben eines Herrn Butermaker ©®™
• …
’'Wenigstens geht endlich die Heizung', dachte sich Baby Jane. ’'Wenn
nicht bald etwas Positives passiert wäre, hätte ich das alles wohl bald
geschmissen' ging es ihr durch den Kopf. Aber dank ihrem Yeti-Klaus blickte
sie nun etwas zuversichtlicher in die Zukunft.
Sie ging in die Küche und bat die Köchin doch mal mit rauszukommen, um sich
mit ihr über das Weihnachtsessen abzusprechen. Ona nahm ihre Kaffeetasse in
die Hand und folgte der Besitzerin raus in das leere Lokal. Ona hatte sich
bisher geweigert, ihre Küche auch nur einen Schritt weit zu verlassen, war
das doch der einzige Ort, der eine halbwegs annehmbare Temperatur hatte.
Jetzt aber sah sich auch die Spanierin die noch halbfertige Ausstattung, der
nun beheizten Gaststätte an, und erahnte wie hübsch und chic dieses Lokal
doch bald sein würde.
Beide Frauen setzten sich an einen Tisch, und Baby Jane wollte von ihr
wissen, wie weit die Vorbereitungen für Heiligabend und Weihnachten in
puncto Essen waren. Ona holte tief Luft, ein schlechtes Zeichen, wie die
Inhaberin wusste, und fing an, ihre Ideen für die Beköstigung an den
Feiertagen zu erläutern: "Für Heiligabend hatte ich Folgendes im Sinn:
Zuerst einen Gazpacho und dann als zweite Vorspeise Weinbergschnecken im
Speckmantel. Als Appetithappen auf den Tischen werden wir Muscheln, Scampi,
Tintenfisch und Babysepia servieren. Danach gibt es einen Krabbencocktail …"
Baby Jane hörte ihr schon gar nicht mehr zu, sondern war in Gedanken wieder
bei ihrem momentan größtem Problem, dem Bier-Streik, angeführt von
Thoraxprellung und seinem Team. Das war ein ernstzunehmendes Problem, denn
durch das fehlende Bier blieben ihr auch die Gäste aus, und langsam konnte
sie nicht mehr auf ein Einlenken von Thorax hoffen, denn der versteifte sich
immer mehr in seiner Position: Ohne Bier keine Arbeit!
Baby
Jane konnte auch nicht darauf hoffen, dass ihrem Yeti-Klaus ein weiterer
Glücksgriff, wie bei der Heizung, gelang. Nein! Sie musste nun die harten
Geschütze ausfahren, auch wenn sie von dieser Idee überhaupt nicht
begeistert war. Ona plapperte währenddessen immer weiter und schwärmte ihr
vom 3. Gang vor. Sie glaubte etwas von einer Aalsuppe zu hören, aber sie
schenkte den Worten der Köchin keinerlei Beachtung. Wieder überlegte sie, ob
ihr letzter Trumpf, den sie gegen Thorax ausspielen wollte, wirklich den
gewünschten Erfolg bringen würde, da ihr sonst keine andere Möglichkeit mehr
einfallen wollte …
Ihre letzte Chance war der Huskyflüsterer, ein Schamane, der völlig
zurückgezogen in den Bergen abseits von Goodnews Bay lebte. Er war ein
Findelkind, dessen Herkunft völlig unbekannt war. Man munkelte nur, dass zu
der Zeit, als er von den Inuit gefunden und adoptiert wurde, ein Ehepaar des
schlesischen Hochadels hier eine Expedition machte. Das Ehepaar Schaffgotsch
war aber urplötzlich verschwunden und wurde nie wieder gesehen. Dieses Kind
wurde von dem Stammesältesten, selbst ein Schamane, großgezogen und man gab
ihm den Namen Spacefalcon.
Spacefalcon lernte alles von der wunderbaren Zivilisation der Inuit und
hatte nie Kontakt zu anderen Mitteleuropäern. Er war ein seltsamer,
mysteriöser Typ und niemand wurde schlau aus ihm. Er war wortkarg und hatte
auch keinerlei Kontakt zu jemand anderen. Unter den Inuit galt er als ein
besonders mächtiger Schamane, trotz seines jungen Alters. Aber niemand hatte
ihn je richtig gesehen oder gar mit ihm gesprochen. Baby Jane hatte ihm eine
Nachricht zukommen lassen, er möge sich doch bitte dieses Thorax annehmen,
ihn verhexen meinetwegen, oder was auch immer, damit in diesem Ort endlich
das Bier fließen könne. Sie wusste nicht, dass auch Spacefalcon eine
besondere Vorliebe für den Gerstensaft hatte, und so freute sie sich um so
mehr, als man ihr ausrichtete, er würde zusagen.
"Und
als dritte Hauptspeise dachte ich an Seezungenfilets, mit Kartoffeln und
grünen Bohnen", quasselte Ona weiter. Baby Jane wollte diesem, nicht enden
wollendem Wortschwall nun ein Ende bereiten, um die Köchin auf den Boden der
Tatsachen zurückzubringen. Sie wartete, bis diese mal nach Luft schnappen
musste, aber auch nach ein paar Minuten schien das aussichtslos. Also sagte
sie nur "Ona!" und blickte sie derart eindringlich an, dass die Köchin
sofort verstummte. "Ona", sagte die müde aussehende Inhaberin des Baby's,
"wir werden zu Heiligabend Würstchen mit Kartoffelsalat servieren, und zu
Weihnachten einen Gänsebraten. Nicht mehr und nicht weniger!" Ona schluckte,
aber sie hatte den Blick bemerkt und auch, dass sich dahinter große Sorgen
verbargen. Die Spanierin nahm beide Hände der jungen Frau in die Hand und
fragte: "Was ist los, Baby Jane? Mit dir stimmt doch was nicht!"
Baby
Jane erzählte ihr von ihrem Problem mit Thoraxprellung und der letzten
Lösungsmöglichkeit, die sie ergreifen musste. Sie erzählte ihr, dass ihr
eigentlich unwohl dabei sei, weil sie aus diesem Spacefalcon nicht wirklich
schlau wurde, und es lieber vermieden hätte, sich an ihn zu wenden, aber
dass die Ausweglosigkeit dieses Problems ihr eigentlich keine andere Wahl
ließ.
Ona kannte die Geschichte dieses sonderbaren Eremiten nicht und Baby Jane
erzählte ihr alles, was sie über ihn wusste. "... und er züchtet Huskys, die
Besten in Alaska. Von überall kommt man, um seine Tiere zu kaufen. Man
behauptet, seine Hunde wären übernatürlich schnell und überhaupt ist alles,
was diesen Mann angeht, mit Hexerei und Übernatürlichem behaftet. Stell dir
vor, er blickt die interessierten Käufer derart eindringlich an, dass diese
schon nach kurzer Zeit schwören, für die Hunde alles herzugeben, wenn nötig.
Anscheinend sind diese Hunde alles für ihn. Und man sagt, er könne mit ihnen
reden." Die Köchin schüttelte ungläubig den Kopf. „Das hört sich ja gruselig
an. Ich kann verstehen, wenn dir dabei mulmig zumute ist, seine Hilfe in
Anspruch zu nehmen." "Ja, aber ich habe keine andere Wahl. Das Bier muss
fließen, sonst können wir einpacken", erklärte Baby Jane, die froh war, dass
mit dieser Schamanengeschichte, die Köchin ihr aberwitziges Menu vergessen
hatte.
Ona
ging gedankenverloren und mit einer Gänsehaut zurück in die Küche. 'Ein
Schamane …' dachte sie, 'hoffentlich muss ich dem nie begegnen!' und
zog sich dabei ihren dicken Mantel an. Als sie die Tür öffnete, um auf dem
Hinterhof eine Zigarette zu rauchen, dachte sie mit Freuden an ihren Degi,
den Bier gänzlich kalt ließ. Sie summte schon wieder fröhlich ihr
Coverversion von dem Ketchupsong, der sie mal ganz groß rausbringen und
reich machen sollte, und dachte dabei schon an eine leicht einzuprägende
Callnummer, wo das Lied als Klingelton runtergeladen werden könne, als sie
plötzlich einem einzigen Paar Augen gegenüberstand, die sie musternd
anstarrten.
Fast hätte sie geschrieen, bedachte sich doch eines Besseren: 'Hey, du
Spanierin! Angst ist was für andere, wozu hast du eine große Klappe ...?',
als dieses Paar Augen sich von ihr abwandten und plötzlich zu einer Gestalt
wurden, die an ihr vorbei lief, begleitet von einem wunderschönen Husky …
"Soviel mir
bekannt ist gab es keinerlei Einverständniserklärung von mir, Dir und Euch
gegenüber, dass Ihr über meinen Nicknamen frei verfügen dürft." Baby Jane
las ein letztes Mal Mr. Butermakers Brief, schob ihn in ein Kuvert und
adressierte dieses an "Kanzlei Gräfin Ermakova & Tochter", Good News Bay 27.
Im Jänner, ja, nach den Feiertagen im Jänner, würden sich die beiden klugen
Frauen juristisch mit dem Fall auseinandersetzen und die nötigen Schritte
einleiten.
Die Wirtin strich sich ihre geblümte Kittelschürze glatt, die sie seit ihrer
Ankunft in Alaska bei der Arbeit trug und die Yeti-Klaus so sexy fand. Was
war das in der Schürzentasche? Baby Jane förderte ein zerknautschtes
Päckchen Zigaretten zutage. Weder auf der Werderania noch hier in Alaska
hatte Baby Jane geraucht. Keine einzige! Doch nun ...?
Die Österreicherin erhob sich, warf sich ihren Anorak über die Schultern und
trat zur Spanierin in den Hinterhof hinaus. Ona stand sichtlich frierend
inmitten des Berges von Kartons, in denen Scarlets Sachertorten tiefgefroren
lagerten. Ona rauchte. "Weißt du, dass dies ein Jubiläum ist?", fragte die
Wirtin die Kollegin. "Nein? Du weißt es nicht? Deine Zigarette ist die ERSTE
ZIGARETTE, die in den Novelas geraucht wird, Ona!" Ona lachte und gab Baby
Jane Feuer. Sodann standen die beiden Frauen einträchtig nebeneinander,
zitternd vor Kälte zwar und zwischendurch leicht hustend, und rauchten. Sie
bliesen den Rauch Richtung Himmel und die feinen Kringel schwebten empor zum
strahlenden, wolkenlosen Blau über Alaska. In der Ferne sahen sie ein
kleines, einmotoriges Flugzeug. Von weit her hörte man das Pfeifen eines
Zugs. Ansonsten war es ruhig und friedlich. "Schön ist es hier, trotz
allem!", sagte Ona, und Baby Jane nickte. "Bald ist Weihnachten. Hoffentlich
kommen die anderen rechtzeitig an ..."
Währenddessen hatten Paula, Kat und Scarlet ihren Schneeschippdienst auf den
Schienen beendet und saßen bereits wieder in ihrem Abteil. Abgesehen von ein
paar eingerissenen Nägeln, ging es den drei Freundinnen gut. Sie waren zwar
müde und sie froren, aber eingemummelt in dicken Decken waren sie schon
wieder am klönen. "Ach", sagte Scarlet, "hätte
ich jetzt doch nur ein Gel-Wärmekissen dabei …!" Und schon ging eine
muntere Diskussion über eine "Zürcher
Verlobung" los. Der Schaffner sah dem lächelnd zu und dachte sich:
'Diese Frauen, solange sie ein Gesprächsthema haben, geht es ihnen gut'.