4. Folge: Die Salami im Schnee (von Paula Tracy, gesponsert von "Bifi")

"Hast Du noch ein Stück Salami, Fewie?" Dr. Few Master drehte sich um und sah seinen Freund Kaschi, der zähneklappernd hinter ihm stand, irritiert an. "Nein, ich habe Dir doch alles gegeben – das kannst Du doch unmöglich alles aufgegessen haben?" Kaschi kramte in seinem überdimensionalen Rucksack, in dem sich neben der kompletten Goldschürferausrüstung auch noch ein kleiner batteriebetriebener Generator befand. Der Doktor, ebenfalls mit einem riesigen Rucksack auf dem Rücken, trug das Zelt und die beiden Schlafsäcke. Kaschi schüttelte den Kopf. "Nein, natürlich nicht, aber ich hab’ nichts mehr – und wir haben schätzungsweise noch mindestens einen Tag vor uns, bevor wir Goodnews Bay erreichen." "Gib zu, Du hast Lassie was gegeben", rief Few Master erbost. Er musterte den Husky, der sich an Kaschis Beine schmiegte, misstrauisch. Er war ihnen vor ein paar Tagen zugelaufen und wich Kaschi seitdem nicht mehr von der Seite. Doch auch diesmal schüttelte Kaschi den Kopf. "Lassie frisst keine Salami, ich hab's versucht, ich geb's zu. Aber sie wollte nicht."

Der Doktor ließ sich auf den Boden fallen. "Wir hätten viel früher aufbrechen sollen. Man sieht die Hand vor Augen nicht vor lauter Schnee. Ich weiß schon gar nicht mehr, ob wir in die richtige Richtung laufen. Und welcher Tag heute ist..." Kaschi tat es ihm gleich und brummelte: "Wenn sich dieser Ausflug wenigstens gelohnt hätte! Wir hätten auf Cessna hören sollen, der hat gleich gesagt, dass es kein Gold mehr in Alaska gibt." "Cessna ist ein Klugscheißer!" fuhr Few auf. "Kaschi, ich sag' Dir eines: wir werden in keinem Fall zugeben, dass wir nichts gefunden oder uns verirrt haben! Wichtig ist, dass wir Haltung und Würde bewahren. Gott sei Dank sieht uns keine der Frauen. Oder Butermaker oder Hilary." Kaschi schwieg. Er sah das etwas anders und wusste gar nicht, warum sein Freund da so empfindlich war. Aber egal – er war verdammt hungrig und er froh erbärmlich. Er sah auf seine Uhr und das eingestellte Datum. "Bald ist Heiligabend. Glaubst Du, dass Kat, Paula und Scarlet noch kommen werden?" "Keine Ahnung!" brummte der Doktor. "Mir doch egal." "Haste Ärger mit Paula?" fragte Kaschi mitfühlend. "Kann ich nicht verstehen, die ist doch in Ordnung." "Ja, Du unterhältst Dich ja auch stundenlang mit ihr über Lassie, Flipper und Fury!" fauchte der Arzt. "Das ist ja auch unterhaltsam, aber ich sage Dir – die kann verdammt anstrengend sein. Sei froh, dass Leo noch nicht da ist – bei der Gelegenheit, warum eigentlich nicht? So groß kann die Sehnsucht ja wohl kaum sein", stichelte er. "Hey, das macht doch keinen Sinn, wenn wir uns jetzt auch noch streiten", lenkte Kaschi ein. "Und weiter hier rumsitzen bringt auch nichts – wir müssen weiter. Good News Bay müsste dort liegen", er wies in Richtung Süden. "Wenn wir heute nacht nur eine Pause von vier Stunden machen, müssten wir es schaffen, morgen Abend da zu sein." "Wenn es die richtige Richtung ist", warf Few ein. "Wenn nicht, wird Baby Jane sicher Cessna schicken, uns zu suchen", beruhigte Kaschi. Er duckte sich ein wenig, als er den wütenden Blick seines Freundes sah. Aber Stolz hatte eben seine Grenzen, fand er. Er wollte jedenfalls Weihnachten unterm Baum sitzen und am liebsten mit Pete Morgan und Paula Tracy die Weihnachtsfolge von Lassie ansehen. Gott sei Dank hatte Pete den DVD-Player dabei und Det den schönen großen Monitor!

Die beiden stapften weiter. Der Schnee wurde immer dichter, die Flocken hatten sich in Kaschis Bart und seinen Wimpern festgesetzt, sogar in den Nasenlöchern war der Schnee zu spüren. Da – ein Glitzerpapier im Schnee! Was hatte das zu bedeuten? "Fewie!" rief er. "Warte mal!" Er hielt ihm das Papier hin, und beide lasen: "Bifi – die Minisalami". "Wir sind im Kreis gelaufen!" rief Dr. Few Master. "Wir waren wahrscheinlich gestern Abend schon mal da, denn wie soll sonst das Papier hier hin gekommen sein?" Kaschi sah ihn skeptisch an. "Nein, das glaube ich nicht. Ich denke eher, dass jemand anders hier war..." Er stockte. "Hast Du das gehört?" "Was?" "Na, da hat doch jemand gerufen, Fewie, hörst Du das nicht?" Der Arzt riss seine Fellmütze ab. Tatsächlich – sehr weit entfernt konnte man ein schwaches "Hilfe" vernehmen. Ein Grinsen ging über das Gesicht von Few Master. "Wenn ich nicht genau wüsste, dass er sehr, sehr weit weg ist – nämlich in Premiere-Deutschland – würde ich denken, das ist Butermaker, der da so schreit... Aber der kann es ja nicht sein." Kaschi zog seinen Freund aufgeregt mit. Lassie rannte schwanzwedelnd voran und blieb dann vor einem Häufchen Elend, das tief im Schnee versunken schien, stehen. Die beiden Männer stapften, so schnell sie konnten durch den tiefen Schnee...

Was oder wen hatte Lassie, der Husky, gefunden? Den Weihnachtsmann? Das Christkind? Oder war Mr. Butermaker vielleicht doch nicht in Premiere-Deutschland, befand er sich noch in Alaska und hatte den beiden Freunden die letzte Salami geklaut?

Würden die beiden rechtzeitig in Good News Bay eintreffen? Würde Kaschi unterm Weihnachtsbaum das Lassie-Weihnachtsspecial sehen können? Oder hatte Pete Morgan das am Ende gar nicht dabei? Und hatte Ona genügend Plätzchen gebacken? Und was viel wichtiger war: würden Few Master und Kaschi mit Würde und Haltung aus der ganzen Goldschürfer-Geschichte herauskommen?

Schalten Sie ein, wenn es bald wieder heißt: "Alles Alaska"!

 

5. Folge: Auf zur Suche (von cessnaritter)

In beinahe dem gleichen Augenblick, als die beiden verhinderten Goldsucher den Hilferuf in der Wildnis der kanadischen Wälder vernahm, trat der Cessnaritter aus dem "Good News Baby's" auf die Straße. Es hatte wieder zu schneien begonnen, Bing Crosby hätte seine Freude daran gehabt. Aber schließlich waren ja "Weiße Weihnachten" in Alaska eine völlig normale Sache.
Er ging nebenan in den Drugstore, der noch geöffnet hatte. Dort wollte er eigentlich nur das Bier kaufen und vielleicht ein paar Salzkekse dazu. Aber dann stöberte er doch ein wenig durch den Laden, der zwar nicht groß war, aber immerhin die verschiedensten Dinge anbot. Am kleinen Regal mit den Duftwässern hielt er an und ließ seinen Blick über die Fläschchen und Flakons schweifen. Er überlegte kurz, ob er sich das neue Rasierwasser leisten wollte, das auf einem Plakat angepriesen wurde. "Nacht in Alaska" hieß es. Er öffnete die Flasche, schnupperte kritisch, gab einen Spritzer davon auf den Handrücken und nahm dann eine Geruchsprobe. Nun, er fand es gar nicht schlecht und der Preis von fünf Dollar schien ihm angemessen. Schließlich war Weihnachten und da ihm wahrscheinlich niemand etwas schenken würde, entschloss er sich zum Kauf. Dazu nahm er dann noch neue Klingen für seinen Rasierer und Rasierschaum, legte noch das Bier und die Kekse in den Einkaufswagen und rollte damit zur Kasse.
Die blonde Hannelore stand am Verkaufstresen und tippte die Beträge ein. "Die Bahnstrecke ist zugeschneit, der Zug ist steckengeblieben. Schon gehört?" Der Cessnaritter, der in der Zwischenzeit sein Portemonnaie hervorgeholt hatte, blickte auf. "Nein, das wußte ich noch nicht!" Dann wird sich ja die Ankunft der erwarteten Freundinnen von Baby Jane verzögern, dachte er. "Ich habe es vorhin im Radio gehört, die Eisenbahndirektion hat es durchsagen lassen. Die armen Fahrgäste, und vor allem die Mädchen! Ach, ich sag's ja immer, das Wetter in Alaska ist manchmal wirklich zu brutal. Und dann sage ich ja auch immer...."

Was Hannelore sonst noch immer sagte, erfuhr er nicht mehr, wortlos hatte er das Geld auf den Tisch gelegt, seine Einkäufe in die Plastiktüte gesteckt und war geflüchtet. Wenn diese Frau erst einmal anfing zu tratschen und zu klatschen, wurde man allein vom Zuhören heiser. Hannelore blieb fassungslos und vor allem sprachlos und mit offenem Mund stehen und blickte  dem Cessnaritter hinterher.

In seiner Hütte am Flugplatz angekommen, machte er zunächst ein Feuer im Kamin, als die Holzscheite lustig prasselten und wohlige Wärme verbreiteten, rückte er den alten, bequemen Sessel heran und ließ sich mit einem Bier und den Cräckern darin nieder. Nachdenklich betrachtete er das Feuer und freute sich an dem Anblick. Es wärmte ihn und er musste an die Passagiere im Zug denken, die nun da draußen festsaßen, gefangen in der Schneewehe. Hier in der Gegend gab es nur einen, der in so einer Situation Freude empfand, wenn der Schnee meterhoch lag und nichts mehr ging. Er war ein seltsamer Kauz, ein Schweizer namens montaseri, der hoch droben auf dem Berg in einer Bockhütte hauste, nicht mal ein Auto hatte und es am liebsten gesehen hätte, wenn es nie Sommer geben würde in Alaska.
Ganz in seine Gedanken versunken, von den Anstrengungen des Tages erschöpft, vom Bier und der Wärme des Feuers sank er in tiefen Schlaf. Mitten in der Nacht, fast schon am frühen Morgen, schreckte er hoch. Das Feuer war erloschen, es war etwas kühl im Raum und er wunderte sich, dass er im Sessel eingeschlafen war. Dabei hatte er etwas Seltsames geträumt, von den Frauen im eingeschneiten Zug, die mit Schaufeln versuchten, die Schienen frei zu räumen.

Er ging in die Küche und kochte sich einen Kaffee und überlegte. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass der Schneefall aufgehört hatte, der Himmel war fast wolkenfrei, er konnte die Sterne am nördlichen Nachthimmel deutlich sehen. Er fasste einen Entschluss. Schnell duschte er, füllte seine Thermoskanne mit Kaffee, nahm aus dem Kühlschrank ein paar Würstchen und verließ das Haus.

Zunächst stapfte er zum Hangar, tankte sein Flugzeug voll, checkte die Funktionstüchtigkeit der Maschine. Dann ging er nach nebenan, und stieg die Treppe hinauf zum Tower. Gunter war natürlich noch nicht da, obwohl der Cessnaritter einige Zeit gebraucht hatte, um alles klar zu machen, war es ja auch erst kurz vor sieben Uhr. Gunters Dienst begann im Winter erst um acht Uhr. So vermerkte er seinen Abflug auf einer Wandtafel, trug mit Kreide seine Abflugzeit ein und das Flugziel, das in diesem Fall ein Rundflug war. Dann funkte er die Wetterwarte Seward auf der Kenai-Halbinsel an und fragte nach den voraussichtlichen Wind- und Wetterverhältnissen südlich des über 4000m hohen Mount Marcus Baker. Er erfuhr, dass in den Bergen noch Schneefall herrschte, aber bald nachlassen würde, über dem Prinz-Williams-Sund war es schon klar und niederschlagsfrei.

Also entschloss er sich dazu, immer nah der Küstenlinie zu bleiben, und ohnehin führte die Bahnlinie ja dort entlang. Wenn er noch Zeit hatte, wollte er noch einen Abstecher nach Norden machen, vielleicht konnte er Kaschi und den Doktor irgendwie entdecken und ihnen zumindest mit seinem Flugzeug die Richtung nach Good News Bays anzeigen. Er steckte noch ein paar zusätzliche Leuchtraketen ein und ging dann zu seiner Maschine. Er startete den Motor und stellte das Funkgerät auf die Frequenz der Flugkontrolle von Anchorage ein.
"Anchorage Flugkontrolle, Delta Echo Golf Mike Foxtrott auf dem Flugplatz Beaver Falls zum Rundflug an der Küstenlinie Richtung Anchorage.!" Es rauschte und knackte eine Sekunde lang, dann hörte er deutlich und klar die Stimme aus dem Lautsprecher: "Delta Mike Foxtrott, wir haben verstanden und nehmen sie auf den Radar! Start nach eigenem Ermessen!" "Danke Anchorage, Delta Mike Fox!"
Der Cessnaritter zog den Gashebel, lenkte die kleine Cessna auf die Startbahn, dann gab er noch mehr Gas, kam auf Touren und bei 65 Knoten zog er das Steuer an sich heran und hob ab. Dann senkte er leicht die Nase, um nicht zuviel an Geschwindigkeit zu verlieren, was zum Störungsabriss und damit zum Absturz führen konnte. Und während der Morgen über Goodnews Bay heranbrach, stieg die blau-weiß-rote Cessna in den Winterhimmel über Alaska.

Was würde der Cessnaritter auf seinem Rundflug entdecken? Hat Hannelore inzwischen wieder sprechen können? Welche Cräckersorte bevorzugt der Cessnaritter? Es bleibt spannend! Schalten sie auch bei der nächsten Folge wieder ein!

 

6. Folge: Der Huskyflüsterer (von Ona und Baby Jane)

Baby Jane schaute seufzend auf ihre Aufgabenliste:

• Das Bier-Thorax-Problem
• Die Einrichtung der Bar
• Die Organisation der Weihnachtsfeier und das Essen dazu
• Ein heute eingetrudeltes Protestschreiben eines Herrn Butermaker ©®™
• …

’'Wenigstens geht endlich die Heizung', dachte sich Baby Jane. ’'Wenn nicht bald etwas Positives passiert wäre, hätte ich das alles wohl bald geschmissen' ging es ihr durch den Kopf. Aber dank ihrem Yeti-Klaus blickte sie nun etwas zuversichtlicher in die Zukunft.

Sie ging in die Küche und bat die Köchin doch mal mit rauszukommen, um sich mit ihr über das Weihnachtsessen abzusprechen. Ona nahm ihre Kaffeetasse in die Hand und folgte der Besitzerin raus in das leere Lokal. Ona hatte sich bisher geweigert, ihre Küche auch nur einen Schritt weit zu verlassen, war das doch der einzige Ort, der eine halbwegs annehmbare Temperatur hatte. Jetzt aber sah sich auch die Spanierin die noch halbfertige Ausstattung, der nun beheizten Gaststätte an, und erahnte wie hübsch und chic dieses Lokal doch bald sein würde.

Beide Frauen setzten sich an einen Tisch, und Baby Jane wollte von ihr wissen, wie weit die Vorbereitungen für Heiligabend und Weihnachten in puncto Essen waren. Ona holte tief Luft, ein schlechtes Zeichen, wie die Inhaberin wusste, und fing an, ihre Ideen für die Beköstigung an den Feiertagen zu erläutern: "Für Heiligabend hatte ich Folgendes im Sinn: Zuerst einen Gazpacho und dann als zweite Vorspeise Weinbergschnecken im Speckmantel. Als Appetithappen auf den Tischen werden wir Muscheln, Scampi, Tintenfisch und Babysepia servieren. Danach gibt es einen Krabbencocktail …" Baby Jane hörte ihr schon gar nicht mehr zu, sondern war in Gedanken wieder bei ihrem momentan größtem Problem, dem Bier-Streik, angeführt von Thoraxprellung und seinem Team. Das war ein ernstzunehmendes Problem, denn durch das fehlende Bier blieben ihr auch die Gäste aus, und langsam konnte sie nicht mehr auf ein Einlenken von Thorax hoffen, denn der versteifte sich immer mehr in seiner Position: Ohne Bier keine Arbeit!

Baby Jane konnte auch nicht darauf hoffen, dass ihrem Yeti-Klaus ein weiterer Glücksgriff, wie bei der Heizung, gelang. Nein! Sie musste nun die harten Geschütze ausfahren, auch wenn sie von dieser Idee überhaupt nicht begeistert war. Ona plapperte währenddessen immer weiter und schwärmte ihr vom 3. Gang vor. Sie glaubte etwas von einer Aalsuppe zu hören, aber sie schenkte den Worten der Köchin keinerlei Beachtung. Wieder überlegte sie, ob ihr letzter Trumpf, den sie gegen Thorax ausspielen wollte, wirklich den gewünschten Erfolg bringen würde, da ihr sonst keine andere Möglichkeit mehr einfallen wollte …

Ihre letzte Chance war der Huskyflüsterer, ein Schamane, der völlig zurückgezogen in den Bergen abseits von Goodnews Bay lebte. Er war ein Findelkind, dessen Herkunft völlig unbekannt war. Man munkelte nur, dass zu der Zeit, als er von den Inuit gefunden und adoptiert wurde, ein Ehepaar des schlesischen Hochadels hier eine Expedition machte. Das Ehepaar Schaffgotsch war aber urplötzlich verschwunden und wurde nie wieder gesehen. Dieses Kind wurde von dem Stammesältesten, selbst ein Schamane, großgezogen und man gab ihm den Namen Spacefalcon.

Spacefalcon lernte alles von der wunderbaren Zivilisation der Inuit und hatte nie Kontakt zu anderen Mitteleuropäern. Er war ein seltsamer, mysteriöser Typ und niemand wurde schlau aus ihm. Er war wortkarg und hatte auch keinerlei Kontakt zu jemand anderen. Unter den Inuit galt er als ein besonders mächtiger Schamane, trotz seines jungen Alters. Aber niemand hatte ihn je richtig gesehen oder gar mit ihm gesprochen. Baby Jane hatte ihm eine Nachricht zukommen lassen, er möge sich doch bitte dieses Thorax annehmen, ihn verhexen meinetwegen, oder was auch immer, damit in diesem Ort endlich das Bier fließen könne. Sie wusste nicht, dass auch Spacefalcon eine besondere Vorliebe für den Gerstensaft hatte, und so freute sie sich um so mehr, als man ihr ausrichtete, er würde zusagen.

"Und als dritte Hauptspeise dachte ich an Seezungenfilets, mit Kartoffeln und grünen Bohnen", quasselte Ona weiter. Baby Jane wollte diesem, nicht enden wollendem Wortschwall nun ein Ende bereiten, um die Köchin auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Sie wartete, bis diese mal nach Luft schnappen musste, aber auch nach ein paar Minuten schien das aussichtslos. Also sagte sie nur "Ona!" und blickte sie derart eindringlich an, dass die Köchin sofort verstummte. "Ona", sagte die müde aussehende Inhaberin des Baby's, "wir werden zu Heiligabend Würstchen mit Kartoffelsalat servieren, und zu Weihnachten einen Gänsebraten. Nicht mehr und nicht weniger!" Ona schluckte, aber sie hatte den Blick bemerkt und auch, dass sich dahinter große Sorgen verbargen. Die Spanierin nahm beide Hände der jungen Frau in die Hand und fragte: "Was ist los, Baby Jane? Mit dir stimmt doch was nicht!"

Baby Jane erzählte ihr von ihrem Problem mit Thoraxprellung und der letzten Lösungsmöglichkeit, die sie ergreifen musste. Sie erzählte ihr, dass ihr eigentlich unwohl dabei sei, weil sie aus diesem Spacefalcon nicht wirklich schlau wurde, und es lieber vermieden hätte, sich an ihn zu wenden, aber dass die Ausweglosigkeit dieses Problems ihr eigentlich keine andere Wahl ließ.

Ona kannte die Geschichte dieses sonderbaren Eremiten nicht und Baby Jane erzählte ihr alles, was sie über ihn wusste. "... und er züchtet Huskys, die Besten in Alaska. Von überall kommt man, um seine Tiere zu kaufen. Man behauptet, seine Hunde wären übernatürlich schnell und überhaupt ist alles, was diesen Mann angeht, mit Hexerei und Übernatürlichem behaftet. Stell dir vor, er blickt die interessierten Käufer derart eindringlich an, dass diese schon nach kurzer Zeit schwören, für die Hunde alles herzugeben, wenn nötig. Anscheinend sind diese Hunde alles für ihn. Und man sagt, er könne mit ihnen reden." Die Köchin schüttelte ungläubig den Kopf. „Das hört sich ja gruselig an. Ich kann verstehen, wenn dir dabei mulmig zumute ist, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen." "Ja, aber ich habe keine andere Wahl. Das Bier muss fließen, sonst können wir einpacken", erklärte Baby Jane, die froh war, dass mit dieser Schamanengeschichte, die Köchin ihr aberwitziges Menu vergessen hatte.

Ona ging gedankenverloren und mit einer Gänsehaut zurück in die Küche. 'Ein Schamane …' dachte sie, 'hoffentlich muss ich dem nie begegnen!' und zog sich dabei ihren dicken Mantel an. Als sie die Tür öffnete, um auf dem Hinterhof eine Zigarette zu rauchen, dachte sie mit Freuden an ihren Degi, den Bier gänzlich kalt ließ. Sie summte schon wieder fröhlich ihr Coverversion von dem Ketchupsong, der sie mal ganz groß rausbringen und reich machen sollte, und dachte dabei schon an eine leicht einzuprägende Callnummer, wo das Lied als Klingelton runtergeladen werden könne, als sie plötzlich einem einzigen Paar Augen gegenüberstand, die sie musternd anstarrten.
Fast hätte sie geschrieen, bedachte sich doch eines Besseren: 'Hey, du Spanierin! Angst ist was für andere, wozu hast du eine große Klappe ...?', als dieses Paar Augen sich von ihr abwandten und plötzlich zu einer Gestalt wurden, die an ihr vorbei lief, begleitet von einem wunderschönen Husky …

"Soviel mir bekannt ist gab es keinerlei Einverständniserklärung von mir, Dir und Euch gegenüber, dass Ihr über meinen Nicknamen frei verfügen dürft." Baby Jane las ein letztes Mal Mr. Butermakers Brief, schob ihn in ein Kuvert und adressierte dieses an "Kanzlei Gräfin Ermakova & Tochter", Good News Bay 27. Im Jänner, ja, nach den Feiertagen im Jänner, würden sich die beiden klugen Frauen juristisch mit dem Fall auseinandersetzen und die nötigen Schritte einleiten.

Die Wirtin strich sich ihre geblümte Kittelschürze glatt, die sie seit ihrer Ankunft in Alaska bei der Arbeit trug und die Yeti-Klaus so sexy fand. Was war das in der Schürzentasche? Baby Jane förderte ein zerknautschtes Päckchen Zigaretten zutage. Weder auf der Werderania noch hier in Alaska hatte Baby Jane geraucht. Keine einzige! Doch nun ...?

Die Österreicherin erhob sich, warf sich ihren Anorak über die Schultern und trat zur Spanierin in den Hinterhof hinaus. Ona stand sichtlich frierend inmitten des Berges von Kartons, in denen Scarlets Sachertorten tiefgefroren lagerten. Ona rauchte. "Weißt du, dass dies ein Jubiläum ist?", fragte die Wirtin die Kollegin. "Nein? Du weißt es nicht? Deine Zigarette ist die ERSTE ZIGARETTE, die in den Novelas geraucht wird, Ona!" Ona lachte und gab Baby Jane Feuer. Sodann standen die beiden Frauen einträchtig nebeneinander, zitternd vor Kälte zwar und zwischendurch leicht hustend, und rauchten. Sie bliesen den Rauch Richtung Himmel und die feinen Kringel schwebten empor zum strahlenden, wolkenlosen Blau über Alaska. In der Ferne sahen sie ein kleines, einmotoriges Flugzeug. Von weit her hörte man das Pfeifen eines Zugs. Ansonsten war es ruhig und friedlich. "Schön ist es hier, trotz allem!", sagte Ona, und Baby Jane nickte. "Bald ist Weihnachten. Hoffentlich kommen die anderen rechtzeitig an ..."


Währenddessen hatten Paula, Kat und Scarlet ihren Schneeschippdienst auf den Schienen beendet und saßen bereits wieder in ihrem Abteil. Abgesehen von ein paar eingerissenen Nägeln, ging es den drei Freundinnen gut. Sie waren zwar müde und sie froren, aber eingemummelt in dicken Decken waren sie schon wieder am klönen. "Ach", sagte Scarlet, "hätte ich jetzt doch nur ein Gel-Wärmekissen dabei …!" Und schon ging eine muntere Diskussion über eine "Zürcher Verlobung" los. Der Schaffner sah dem lächelnd zu und dachte sich: 'Diese Frauen, solange sie ein Gesprächsthema haben, geht es ihnen gut'.

 

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