Der lange Weg nach Goodnews Bay (von Paula Tracy)

Der Schaffner, der in dem kleinen klapprigen und (vor allem) zugigen Zug an diesem eisig kalten 21. Dezember seinen Dienst tat, schüttelte den Kopf. Die drei jungen Frauen, seit Anchorage die einzigen Passagiere, waren bisher noch keine einzige Minute still gewesen. Sie sprachen in einer fremden Sprache, die ihm aber seit einigen Wochen sehr vertraut geworden war: deutsch! Ein wenig hatte er sogar verstehen können, denn immer, wenn der Zug in Goodnews Bay hielt, einem öden kleinen Nest, das seit kurzem mit Deutschen und Österreichern überschwemmt war, ging er in die winzige, ein wenig behelfsmäßig ausgebaute Kneipe am Ort, das von einer Österreicherin geführt wurde, die sich "Baby Jane" nannte. Die Kneipe hatte sie sinnigerweise "Good News Baby's" genannt. Die jüngste der drei Frauen sprach so ähnlich wie die Wirtin, stellte er fest. Die drei wollten auch nach Goodnews Bay. Das waren wohl die lang erwarteten Neuankömmlinge. Wieder schüttelte er den Kopf.

Was die Europäer nur in diesem Nest wollten? Dabei gab es dort so gut wie nichts, noch nicht mal eine Brauerei. Das Bier in der Kneipe musste immer für teures Geld vom Piloten eingeflogen werden, der im übrigen auch ein Deutscher war. Aber es gab da einen Typen am Ort, der wollte dafür sorgen, dass eine Brauerei aufgebaut wurde. Zu dem Zweck waren erst vor zehn Tagen einige junge Männer aus Deutschland gekommen. Allerdings streikten die momentan, weil es kein Bier gab. Meine Güte, von Logik hatten die auch noch nie gehört. Natürlich gab es ohne Brauerei kein Bier! Darüber hinaus wollte der Unternehmer auch nicht genug zahlen, und der Anführer der Streikenden – ein gewisser Thorax (diese Deutschen hatten vielleicht komische Namen!) – hatte spontan eine Gewerkschaft gegründet und sich zum Vorsitzenden erklärt. Es wurde Zeit, dass endlich Ordnung in diesen Laden – äh, in diesen Ort – kam. Nun ja, man musste denen natürlich auch ein wenig Zeit geben, lange waren sie ja noch nicht da. Und der Städteplaner und die Architektin – ein süßes Paar – arbeiteten ohnehin schon Tag und Nacht. Aber seit letzte Woche lag der Städteplaner mit einem eingewachsenen Fußnagel darnieder, und der ansässige Arzt (das war mal kein Deutscher, sondern ein Russe!) konnte nicht helfen, weil er mit seinem Freund, einem Ingenieur, beim Goldschürfen war. Er lachte laut auf, und die drei Frauen sahen alarmiert zu ihm hin. Er lächelte ihnen freundlich zu, und die drei schwatzten weiter. Wie dumm konnte man nur sein. Gold in Alaska! Das war ja ewig her, dass Gold gefunden wurde. Und dieser Arzt bildete sich wirklich ein, hier fündig zu werden.

Die jüngste der drei Frauen (übrigens alle bildbübsch – irgendwie schienen sowohl die Deutschen als auch die Österreicher mit besonders schönen Frauen gesegnet zu sein) seufzte. "Hoffentlich ist diese Fahrt endlich, endlich bald zu Ende! Obwohl...", sie lächelte die beiden anderen dankbar an, "ich es ja gar nicht wieder gut machen kann, dass Ihr beide meinetwegen das Schiff und den Zug genommen habt! Gottlob kommen wir noch pünktlich zu Weihnachten an! Ich weiß ja auch nicht, wie ich diese dumme Flugangst überwinden kann."

"Das wird schon noch, Scarlet", tröstete die Frau, die von den anderen beiden mit Kat angesprochen wurde. "Baby Jane hat geschrieben, dass Cessna eine Flugschule eröffnen will. Und sie wird Dich psychotherapeutisch begleiten. Und wie ich Fewie kenne, wird er auf Deinen ersten Flügen sicher gern dabei sein, falls Dir schlecht wird – was meinst Du, Paula?" Die dritte Frau zuckte die Schultern, und die beiden anderen sahen sich vielsagend an. "Wieso wollte Marjorie eigentlich noch nicht mitkommen?" lenkte Paula ab. "Oder ist sie geflogen?" "Sie muss noch einiges klären", antwortete Scarlet. "Irgendein Albert bereitet Ihr Kopfzerbrechen. Außerdem wollte sie noch neu einkleiden – Bärenfellmützen usw." "Wenn da nur nicht immer die Haare so angeklatscht aussehen würden", jammerte Kat. "Wo Falk meine Locken doch besonders duftig mag..."

"Es ist so schade, dass er arbeiten muss", sagte Paula mitfühlend. "Und das zu Weihnachten! Ich verstehe das gar nicht, wo er doch gut ein Jahr hätte pausieren können. Die Werderania ist doch ohnehin nicht seetüchtig. Bis die wieder läuft, vergeht doch mindestens ein halbes Jahr." "Noch länger!" prophezeite Kat. "Der einzige, der sich mit den Maschinen auskennt, ist Kaschi, und der zieht es ja vor, mit dem Doktor Gold zu schürfen. Aber Falk ist ein echter Seemann, der kann nicht ohne Schiffsplanken unter den Füßen sein. Und da der Kapitän der Ovela abgeheuert hat, war das ja sehr praktisch. Er hat versprochen, mich täglich anzurufen..." Sie starrte auf ein winzig kleines Telefon in ihren Händen, schien es praktisch zu hypnotisieren. Na – die würde sich noch wundern. Hier gab es doch meilenweit kein Netz. Nur eine Funkstation im Laden von Goodnews Bay. Den führte seit kurzem eine ältere, dralle Blondine, die behauptete, mit Europas größtem Volkssänger verheiratet zu sein. Sie konnte doch unmöglich diesen blassen Typen mit der Sonnenbrille und dem Toupet meinen, der abends immer in der Kneipe "Caramba, Caracho, ein Whisky" sang. Dieser Laden war in Goodnews Bay die einzige Station zur Außenwelt. Diese Europäer! Kamen daher mit ihren winzigen kleinen Telefonen – Handys nannten die das, und diese Kat gab sogar an, dass man mit ihnen fernsehen konnte (in Good News Bay jedenfalls nicht) – und tragbaren Computern und wunderten sich, dass man weder telefonieren noch mailen konnte. Internet? In Good News Bay?? Also wirklich nicht! Daran konnte seiner Meinung nach auch dieser bärbeißige Unternehmer nichts ändern, der versprochen hatte, ein funktionierendes Telekommunikationssystem aufzubauen. Die nette kleine Arzthelferin war beinahe weinend zusammen gebrochen, als sie festgestellt hatte, dass man weder Internet noch Telefon nutzen konnte.

Immerhin funktionierte die Post! Der Unternehmer, H. G. Werderaner, hatte dem Piloten einen Auftrag verschafft. Mindestens alle zwei Tage flog er mit den Briefen nach Anchorage – und es gingen sehr, sehr viele Briefe nach Anchorage. Die erwarteten offenbar noch mehr Deutsche und Österreicher, wie er so mitbekommen hatte
.

Der Schaffner setzte sich – es gab ja doch nichts zu tun – Hunderte von Meilen und nur drei Passagiere. Hoffentlich begann es nicht schon wieder zu schneien, dann musste der Zug erst mal halten, die Gleise geräumt werden. Das waren die Deutschen doch nicht gewöhnt! Ein Schneefall im Münsterland, und alles war lahmgelegt. Hah! Hier konnten die das immer haben. Er griff nach der Thermoskanne und überlegte, wen er in Goodnews Bay mittlerweile schon kennen gelernt hatte:

Natürlich die hübsche Wirtin, Baby Jane Rickmers, seit 17 Jahren dauerverlobt mit diesem eitlem Knaben, einem gewissen Yeti-Klaus. Ach nein, das war ungerecht, der war ja wirklich ein sehr netter Kerl. Gab immer einen aus. Das wirklich köstliche Essen kochte eine gebürtige Spanierin, die alle Ona nannten. Auch bildhübsch, aber leider total verschossen in so einen tumben Klavierspieler, der gar nichts merkte. Aber so war das ja immer: die schönsten Frauen, die dümmsten Männer – manchmal sicher auch umgekehrt, nur in Good News Bay galt das nicht. Der Kneipe angeschlossen war ein ziemlich verfallenes Hotel, eine Billigstabsteige, genauer gesagt – auch die hatte eine Renovierung dringend notwendig. Geführt wurde die von zwei seiner Meinung nach äußerst windigen Burschen, einem gewissen Reggae Gandalf (war das ein deutscher Name?) und einem gewissen Willi. Willi schien der Manager von dem merkwürdigen Volkssänger zu sein, zumindest hatte er ihm das in sehr schlechtem Englisch vor kurzem erzählt. Und er hatte ihn gefragt, ob er wisse, wo man Bücher und DVDs bestellen könne, ohne zu bezahlen und wo er schnell eine Schnecke herbekäme. Diese Europäer aßen wirklich alles. In der Absteige, die die beiden Burschen führten, wohnten zur Zeit noch alle übrigen Einwohner des Ortes – außer dem Piloten, der hatte sich eine kleine Holzhütte am Flugplatz Beaver Falls aufgestellt. Seit kurzem gab es auch einen Fluglotsen, den kannte er persönlich noch nicht – sollte aber ein komischer Kauz und dem Alkohol sehr zugeneigt zu sein.

Aber zurück zum Hotel. Da gab es natürlich erst einmal den Doktor, einen gebürtigen Russen mit dem merkwürdigen Namen Few Master. Der war genau wie sein Freund, der Ingenieur Kaschi Hallmackenreuther, ein knallharter Typ, der stets Würde und Haltung bewies. Einer, der sich nichts anmerken ließ, und seine Schwächen stets positiv herausstellte. Die Wirtin, Baby Jane, hatte zwar was ganz anderes behauptet, aber Frauen bildeten sich ja immer ein, die Männer zu kennen.

Der Ingenieur wartete schon seit Wochen auf seine Freundin Leo, die in Goodnews Bay eine Zeitung eröffnen wollte, aber offenbar in Berlin aufgehalten wurde. Eine Zeitung in Goodnews Bay! Wer brauchte so was? Es gab doch die Gräfin – Gräfin Helli Ermakova, die dachte, sie könnte dort einen Friseursalon eröffnen. Auch eine wirkliche Schönheit – leider immer etwas verwirrt, besonders dann, wenn die Frauen in der Kneipe unter sich waren. Das nannten sie dann "Ladies Night". Viele Frauen gab es noch nicht im Ort, aber die tranken alle für zwei. Die Gräfin hatte eine nicht weniger trinkfeste Tochter, die Ninschen hieß. Die hatte ihn beim letzten Mal ganz schön angeflirtet, holla! Es gab auch noch einen Grafen, aber den hatte er noch nie gesehen. Entweder ging er nicht gern in Kneipen oder... Egal. Dann war da noch Pater BUG, der sich alle Mühe gab, eine verfallene Kirche aus der Zeit des Goldrausches zu restaurieren. Unterstützt wurde er dabei von einem gewissen Sir Hilary, der offenbar der Sheriff am Ort war – zumindest tat er immer so, als ob sein Wort Gesetz sei. Det, die Arzthelferin (natürlich – die war auch sehr hübsch) war todunglücklich, weil ihr Freund, ein Forenmanager, dessen Namen er noch nicht herausgefunden hatte, in Deutschland zurückgeblieben war. Nun ja, ein Internet-Forum machte ja auch nur Sinn, wenn man Internet hatte. Gestern hatte sie allerdings erzählt, dass er bald zu Besuch käme. So ein Idiot, solch ein Mädchen alleine in Alaska zu lassen!

Ja, das waren sie – ach nein, da gab es ja noch diesen Städteplaner Tom, einen sehr engagierten jungen Mann, der hin und wieder auch mal gerne auf der Straße sang. Die Inuit gaben ihm dann gerne ein paar Fische, damit er nur aufhörte. Aber sonst – wirklich sehr nett. Leider momentan etwas überfordert, denn so hatte man sich den Ort einfach nicht vorgestellt. Seine Freundin, die Architektin Xhosa (ja, auch hübsch – aber vor allen Dingen wieder so ein merkwürdiger Name!) half ihm zwar, so gut sie konnte, aber das war eben nicht genug. Darum hatte der Unternehmer ja auch ein paar Arbeitskräfte aus Deutschland kommen lassen. Hätte er doch mal lieber ein paar Einheimische genommen – aber der Typ war stur wie ein Büffel. Überhaupt ein sehr merkwürdiger Bursche – und immer im Clinch mit dem Doktor. Die Köchin versuchte meist vergebens, zu vermitteln, doch da war Hopfen und Malz verloren. Ach ja, Hopfen und Malz. Dieser unselige Bierstreik. Dieser Thorax machte den ganzen Ort verrückt. Reggae-Gandalf und Willi hatte er schon angesteckt. Die jüngste Einwohnerin, Snoopy, eine begabte junge Schauspielerin, baute mit anderen Einwohnern der kleinen Stadt ein Theater auf - Theater in Goodnews Bay... Kaum zu glauben.

Zu Anfang war auch noch ein Mr. Butermaker da gewesen, aber als der merkte, dass es keinen Fernsehempfang gab, war er schleunigst wieder nach Deutschland geflogen. Er wollte aber irgendwann mal wieder vorbeischauen, wenn das endlich geklärt wäre, hatte er gemeint. Den Schriftsteller Pete Morgan hingegen schien der fehlende Empfang nicht zu stören. Er war mit drei Überseekoffern voller DVDs angereist und trieb damit unter den Einheimischen einen blühenden Handel. Denn wo bekam man sonst noch so alte Schinken her?

Und dies schienen nun die Österreicherin Miss Scarlet, die Tierärztin Paula Tracy und die Werbetexterin Kat zu sein. Die wurden schon seit ein paar Tagen erwartet. Miss Scarlet war mit dem Unternehmer H. G. Werderaner verlobt, aber so wie er gehört hatte, war das keineswegs mehr klar mit den beiden. Auch die Tierärztin war angeblich mit dem Doktor liiert. Die beiden hatten sich – wie die meisten Paare im Ort – auf einem Schiff kennen gelernt. Na ja, das kannte man ja: ständig zusammen auf ein paar Quadratmetern, keine Auswahl sonst... So was passierte doch nur in Telenovelas! Jedenfalls hatten die beiden wohl beschlossen, die Verlobung zu lösen. Er meinte so was gehört zu haben – gestern Abend in der Kneipe von Baby Jane. Die Gräfin hatte das der Köchin erzählt, dass die Tierärzin Baby Jane so etwas ähnliches geschrieben habe. Kat hingegen war noch sehr glücklich verlobt mit einem Kapitän zur See, Falk Rickmers. Der war wiederum der Exmann von Baby Jane. Der Mann hatte vielleicht ein Glück! Erst die eine tolle Frau, jetzt die zweite... Der Pilot schien auch eine Freundin zu haben, eine Österreicherin namens Marjorie. Die hatte allerdings ihre Ankunft immer wieder verschoben, so dass er fast vermutete, dass bei denen auch nicht alles Gold war. Ach ja, und dann hatte man auch immer was von einem Anarky gefaselt. Noch so ein komischer Name. Der sollte auch bald nachkommen, hatte Willi gemeint, genauso wie ein merkwürdiger Reiseveranstalter, der erst im Februar erwartet wurde, weil er die Reise mit Schiff und Fahrrad zurücklegen wollte.

Der Wagen ruckelte. Die Frauen schrien auf. Mist – eine Schneeverwehung auf den Gleisen, er hatte es befürchtet. "Don’t panic!" rief er. Der Zug hielt. Kat drehte sich nach dem Schaffner um. "Können wir helfen?" fragte sie. Schweigend drückte ihr der Mann eine Schaufel in die Hand, ebenso wie Paula und Scarlet. Die junge Österreicherin starrte erstaunt auf das Gerät. "Komm Scarlet", sagte Paula. "Wenn wir alle helfen, geht es ein bisschen schneller weiter, und wir sind bald in Good News Bay. Ich freue mich schon auf ein heißes Bad und ein bisschen Luxus. Die Fahrt war wirklich schlimm..." Wenn die wüsste, dachte der Schaffner. Wenn die wüsste...

Die kleine Cessna, die über sie wegflog, wurde nicht weiter beachtet – es war zu laut, zu windig, zu kalt, das Schneetreiben wurde immer schlimmer. Und auch der Pilot hatte wahrhaftig etwas anderes zu tun – er sah die Hand vor Augen nicht... Wann würden die drei Frauen ihr Ziel erreichen? Gab es zu Weihnachten ein Wiedersehen in Good News Bay? Und was geschah in Good News Bay, wo man die Neuankömmlinge erwartete? Und wohin flog die Cessna? Auch diese neue Novela stellt uns wieder vor jede Menge Fragen...


Diese Pilotfolge sollte - wie leicht zu erkennen ist - dazu dienen, die Hauptdarsteller alle vorzustellen. Wie und wo es weitergeht?
Wie, müssen Sie selbst lesen, auf der nächsten Seite geht es jedenfalls weiter!

HomeZurückFolgen 1, 2 und 3