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Der lange Weg nach Goodnews Bay (von Paula Tracy)
Der
Schaffner, der in dem kleinen klapprigen und (vor allem) zugigen Zug an
diesem eisig kalten 21. Dezember seinen Dienst tat, schüttelte den Kopf. Die
drei jungen Frauen, seit Anchorage die einzigen Passagiere, waren bisher
noch keine einzige Minute still gewesen. Sie sprachen in einer fremden
Sprache, die ihm aber seit einigen Wochen sehr vertraut geworden war:
deutsch! Ein wenig hatte er sogar verstehen können, denn immer, wenn der Zug
in Goodnews Bay hielt, einem öden kleinen Nest, das seit kurzem mit
Deutschen und Österreichern überschwemmt war, ging er in die winzige, ein
wenig behelfsmäßig ausgebaute Kneipe am Ort, das von einer Österreicherin
geführt wurde, die sich "Baby Jane" nannte. Die Kneipe hatte sie
sinnigerweise "Good News Baby's" genannt. Die jüngste der drei Frauen sprach
so ähnlich wie die Wirtin, stellte er fest. Die drei wollten auch nach
Goodnews Bay. Das waren wohl die lang erwarteten Neuankömmlinge. Wieder
schüttelte er den Kopf. Die jüngste der drei Frauen (übrigens alle bildbübsch – irgendwie schienen sowohl die Deutschen als auch die Österreicher mit besonders schönen Frauen gesegnet zu sein) seufzte. "Hoffentlich ist diese Fahrt endlich, endlich bald zu Ende! Obwohl...", sie lächelte die beiden anderen dankbar an, "ich es ja gar nicht wieder gut machen kann, dass Ihr beide meinetwegen das Schiff und den Zug genommen habt! Gottlob kommen wir noch pünktlich zu Weihnachten an! Ich weiß ja auch nicht, wie ich diese dumme Flugangst überwinden kann." "Das wird schon noch, Scarlet", tröstete die Frau, die von den anderen beiden mit Kat angesprochen wurde. "Baby Jane hat geschrieben, dass Cessna eine Flugschule eröffnen will. Und sie wird Dich psychotherapeutisch begleiten. Und wie ich Fewie kenne, wird er auf Deinen ersten Flügen sicher gern dabei sein, falls Dir schlecht wird – was meinst Du, Paula?" Die dritte Frau zuckte die Schultern, und die beiden anderen sahen sich vielsagend an. "Wieso wollte Marjorie eigentlich noch nicht mitkommen?" lenkte Paula ab. "Oder ist sie geflogen?" "Sie muss noch einiges klären", antwortete Scarlet. "Irgendein Albert bereitet Ihr Kopfzerbrechen. Außerdem wollte sie noch neu einkleiden – Bärenfellmützen usw." "Wenn da nur nicht immer die Haare so angeklatscht aussehen würden", jammerte Kat. "Wo Falk meine Locken doch besonders duftig mag..."
"Es
ist so schade, dass er arbeiten muss", sagte Paula mitfühlend. "Und das zu
Weihnachten! Ich verstehe das gar nicht, wo er doch gut ein Jahr hätte
pausieren können. Die Werderania ist doch ohnehin nicht seetüchtig. Bis die
wieder läuft, vergeht doch mindestens ein halbes Jahr." "Noch länger!"
prophezeite Kat. "Der einzige, der sich mit den Maschinen auskennt, ist
Kaschi, und der zieht es ja vor, mit dem Doktor Gold zu schürfen. Aber Falk
ist ein echter Seemann, der kann nicht ohne Schiffsplanken unter den Füßen
sein. Und da der Kapitän der Ovela abgeheuert hat, war das ja sehr
praktisch. Er hat versprochen, mich täglich anzurufen..." Sie starrte auf
ein winzig kleines Telefon in ihren Händen, schien es praktisch zu
hypnotisieren. Na – die würde sich noch wundern. Hier gab es doch meilenweit
kein Netz. Nur eine Funkstation im Laden von Goodnews Bay. Den führte seit
kurzem eine ältere, dralle Blondine, die behauptete, mit Europas größtem
Volkssänger verheiratet zu sein. Sie konnte doch unmöglich diesen blassen
Typen mit der Sonnenbrille und dem Toupet meinen, der abends immer in der
Kneipe "Caramba, Caracho, ein Whisky" sang. Dieser Laden war in Goodnews Bay
die einzige Station zur Außenwelt. Diese Europäer! Kamen daher mit ihren
winzigen kleinen Telefonen –
Handys nannten die das, und diese Kat gab sogar an, dass man mit ihnen
fernsehen konnte (in Good News Bay jedenfalls nicht) – und tragbaren
Computern und wunderten sich, dass man weder telefonieren noch mailen
konnte. Internet? In Good News Bay?? Also wirklich nicht! Daran konnte
seiner Meinung nach auch dieser bärbeißige Unternehmer nichts ändern, der
versprochen hatte, ein funktionierendes Telekommunikationssystem aufzubauen.
Die nette kleine Arzthelferin war beinahe weinend zusammen gebrochen, als
sie festgestellt hatte, dass man weder Internet noch Telefon nutzen konnte. Der Schaffner setzte sich – es gab ja doch nichts zu tun – Hunderte von Meilen und nur drei Passagiere. Hoffentlich begann es nicht schon wieder zu schneien, dann musste der Zug erst mal halten, die Gleise geräumt werden. Das waren die Deutschen doch nicht gewöhnt! Ein Schneefall im Münsterland, und alles war lahmgelegt. Hah! Hier konnten die das immer haben. Er griff nach der Thermoskanne und überlegte, wen er in Goodnews Bay mittlerweile schon kennen gelernt hatte: Natürlich die hübsche Wirtin, Baby Jane Rickmers, seit 17 Jahren dauerverlobt mit diesem eitlem Knaben, einem gewissen Yeti-Klaus. Ach nein, das war ungerecht, der war ja wirklich ein sehr netter Kerl. Gab immer einen aus. Das wirklich köstliche Essen kochte eine gebürtige Spanierin, die alle Ona nannten. Auch bildhübsch, aber leider total verschossen in so einen tumben Klavierspieler, der gar nichts merkte. Aber so war das ja immer: die schönsten Frauen, die dümmsten Männer – manchmal sicher auch umgekehrt, nur in Good News Bay galt das nicht. Der Kneipe angeschlossen war ein ziemlich verfallenes Hotel, eine Billigstabsteige, genauer gesagt – auch die hatte eine Renovierung dringend notwendig. Geführt wurde die von zwei seiner Meinung nach äußerst windigen Burschen, einem gewissen Reggae Gandalf (war das ein deutscher Name?) und einem gewissen Willi. Willi schien der Manager von dem merkwürdigen Volkssänger zu sein, zumindest hatte er ihm das in sehr schlechtem Englisch vor kurzem erzählt. Und er hatte ihn gefragt, ob er wisse, wo man Bücher und DVDs bestellen könne, ohne zu bezahlen und wo er schnell eine Schnecke herbekäme. Diese Europäer aßen wirklich alles. In der Absteige, die die beiden Burschen führten, wohnten zur Zeit noch alle übrigen Einwohner des Ortes – außer dem Piloten, der hatte sich eine kleine Holzhütte am Flugplatz Beaver Falls aufgestellt. Seit kurzem gab es auch einen Fluglotsen, den kannte er persönlich noch nicht – sollte aber ein komischer Kauz und dem Alkohol sehr zugeneigt zu sein.
Aber
zurück zum Hotel. Da gab es natürlich erst einmal den Doktor, einen
gebürtigen Russen mit dem merkwürdigen Namen Few
Master. Der war genau wie sein Freund, der Ingenieur
Kaschi Hallmackenreuther, ein knallharter Typ, der
stets Würde und Haltung bewies. Einer, der sich nichts anmerken ließ, und
seine Schwächen stets positiv herausstellte. Die Wirtin, Baby Jane, hatte
zwar was ganz anderes behauptet, aber Frauen bildeten sich ja immer ein, die
Männer zu kennen. Ja, das waren sie – ach nein, da gab es ja noch diesen Städteplaner Tom, einen sehr engagierten jungen Mann, der hin und wieder auch mal gerne auf der Straße sang. Die Inuit gaben ihm dann gerne ein paar Fische, damit er nur aufhörte. Aber sonst – wirklich sehr nett. Leider momentan etwas überfordert, denn so hatte man sich den Ort einfach nicht vorgestellt. Seine Freundin, die Architektin Xhosa (ja, auch hübsch – aber vor allen Dingen wieder so ein merkwürdiger Name!) half ihm zwar, so gut sie konnte, aber das war eben nicht genug. Darum hatte der Unternehmer ja auch ein paar Arbeitskräfte aus Deutschland kommen lassen. Hätte er doch mal lieber ein paar Einheimische genommen – aber der Typ war stur wie ein Büffel. Überhaupt ein sehr merkwürdiger Bursche – und immer im Clinch mit dem Doktor. Die Köchin versuchte meist vergebens, zu vermitteln, doch da war Hopfen und Malz verloren. Ach ja, Hopfen und Malz. Dieser unselige Bierstreik. Dieser Thorax machte den ganzen Ort verrückt. Reggae-Gandalf und Willi hatte er schon angesteckt. Die jüngste Einwohnerin, Snoopy, eine begabte junge Schauspielerin, baute mit anderen Einwohnern der kleinen Stadt ein Theater auf - Theater in Goodnews Bay... Kaum zu glauben.
Zu
Anfang war auch noch ein Mr. Butermaker da gewesen, aber als der merkte,
dass es keinen Fernsehempfang gab, war er schleunigst wieder nach
Deutschland geflogen. Er wollte aber irgendwann mal wieder vorbeischauen,
wenn das endlich geklärt wäre, hatte er gemeint. Den Schriftsteller
Pete Morgan hingegen schien der fehlende Empfang
nicht zu stören. Er war mit drei Überseekoffern voller DVDs angereist und
trieb damit unter den Einheimischen einen blühenden Handel. Denn wo bekam
man sonst noch so alte Schinken her?
Der
Wagen ruckelte. Die Frauen schrien auf. Mist – eine Schneeverwehung auf den
Gleisen, er hatte es befürchtet. "Don’t panic!" rief er. Der Zug hielt. Kat
drehte sich nach dem Schaffner um. "Können wir helfen?" fragte sie.
Schweigend drückte ihr der Mann eine Schaufel in die Hand, ebenso wie Paula
und Scarlet. Die junge Österreicherin starrte erstaunt auf das Gerät. "Komm
Scarlet", sagte Paula. "Wenn wir alle helfen, geht es ein bisschen schneller
weiter, und wir sind bald in Good News Bay. Ich freue mich schon auf ein
heißes Bad und ein bisschen Luxus. Die Fahrt war wirklich schlimm..." Wenn
die wüsste, dachte der Schaffner. Wenn die wüsste... |