Der Kommissar

05.04.13

Text von Kaschi

Bilder mit freundlicher Genehmigung von André Loop, Webmaster der besten und ausführlichsten Seite
über die deutsche Krimiserie schlechthin:

 

"Wer war denn das? WER WAR DENN DAS?" 

Lisa Stoltze kniet auf der Straße über ihrem ermordeten Bruder und schreit ihr Entsetzen in die Nacht. - Und dieses Entsetzen packte auch mich, wenn ich damals als 12- oder 13-Jähriger den "Kommissar" Freitag abends im ZDF sah! Die Erkennungsmelodie, die dann einsetzte, war keine Melodie, sondern eher ein "Gewitter"! 

Im Januar 1969 begann Kommissar Keller mit seinen Assistenten Grabert, Heines und Klein Mordfälle aufzuklären. Und diese Serie packte die Leute! Zwar gab es schon vorher deutsche Krimiserien im Fernsehen (insbesondere "Stahlnetz", "Das Kriminalmuseum", "Dem Täter auf der Spur").

 

 

Doch wenn Erik Ode, Günter Schramm, Reinhard Glemnitz oder Fritz Wepper auf Mördersuche gingen, in Mietskasernen, Hinterhöfen, Kneipen oder Landgaststätten, auch mal in Nobelvillen, so war das einfach „näher dran“ am Alltag der Zuschauer als die distanzierten Serien, die man bis dahin im TV zu sehen bekam – erst recht als diejenigen amerikanischer Machart. Das war alles weit weg! Nicht so diese Serie!  

Heute, nach rund 50 Jahren deutscher TV-Krimikultur, mit unzähligen Serien, nach Dauerbrennern wie "Tatort", "Derrick", "Der Alte", "Ein Fall für Zwei" oder "Polizeiruf 110" und mehreren tausend versendeten Kriminalfällen, fällt es schwer, sich zurückzuversetzen in eine Zeit, in der das alles noch ziemlich neu war – und erschreckend.

 

Heute kann mich ein Krimi kaum noch erschüttern. Ich achte viel mehr auf die Begebenheiten am Rande als auf das eigentliche Verbrechen und amüsiere mich über die Frotzeleien zwischen den Ermittlern oder über den Ärger mit den Vorgesetzten. Ein deutlicher Fingerzeig, wie jahrelanger TV-Konsum abstumpfen kann.  

Heute wirken die "Kommissar"-Folgen oft etwas antiquiert. Beliebt geworden ist bei TV-Nostalgikern das "Reineckern" … Autor Herbert Reinecker schrieb oft Dialoge wie für Herrn und Frau Kusche in meiner Lieblingsfolge "Ende eines Tanzvergnügens": "Der Laden geht nicht mal. - Mama, oder geht der? Hast du gehört, dass der geht?" – "Nein, die Leute sagen, der geht nicht." – [Tochter Ilo Kusche kommt nach Hause.] "Du siehst blass aus. Sieht sie nicht blass aus? Ich finde, sie sieht blass aus." Damals hat sich keiner über solche Dialoge mokiert. Das grässliche Verbrechen und die menschlichen Abgründe dahinter standen viel zu sehr im Zentrum der Wahrnehmung.  

 

Die Folge mit der stärksten Wirkung war ohne jeden Zweifel "Grauroter Morgen" mit Sabine Sinjen als heroinabhängige Tochter Sybille Larasser, deren Mutter (Lilli Palmer) verzweifelt versucht, sie von der Sucht abzubringen. Doch eines Tages liegt Sybille erschossen an der Isar. Die Folge habe ich damals per Mikrofon auf Tonband aufgenommen und immer wieder gehört, weshalb ich etliche Passagen nahezu auswendig konnte: "Herr Kommissar, es war ein Ende erreicht. Das sah ich." (Vater Hans Caninenberg, der … Mörder!) Hinterher war in vielen Leserbriefen zu lesen, dieser Film solle in Schulen immer wieder gezeigt werden, um den Jugendlichen die Gefahren der Rauschgiftsucht drastisch vor Augen zu führen. Tja, wenn's so einfach wäre …

 

Überhaupt traf "Der Kommissar" den Nerv der Zeit Ende der 60er/Anfang der 70er. Der Konflikt zwischen der älteren Generation, geprägt durch Nazidiktatur, Krieg und Nachkriegszeit, und der aufbegehrenden Jugend war das gesellschaftliche Thema Nummer 1  – und spiegelte sich fast in jeder Folge wider. Ob autoritäre Vaterfiguren sich gegen rebellierende Zöglinge mit letzter Kraft durchzusetzen versuchten oder ihre missratenen Sprösslinge (oft von Peter Fricke gespielt) mit Unwahrheiten, Bestechungsversuchen und dergleichen decken wollten, ob "junge Dinger" älteren Herren den Kopf verdrehten und diese dann durchdrehten – Alt gegen Jung war immer wieder Thema, das in einer Krimiserie natürlich auf Mord und Totschlag hinauslief. Ich hielt selbstredend immer zu den Jungen, hoffte stets, dass etwa Stefan Behrens, Volker Kraeft, Wolf Roth, Manfred Seipold, Götz George, Hannelore Elsner, Monika Peitsch, Ilona Grübel, Monika Lundi, Christiane Krüger oder Conny Froboess nicht am Schluss eingebuchtet wurden.

Oft genug war "Der Kommissar" am nächsten Tag (Samstag war Schultag!) Thema auf dem Schulhof. Ganz anders als heute, wo Serien wie "Der Alte" oder "Derrick" der "Kukident-Fraktion" zugerechnet werden …

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