Ein Herz und eine Seele

05.04.13

von Carsten "Kaschi"

Pizza schmeckt wie vollgepisste Wolldecke …


Zunächst noch schwarzweiß im Dritten WDR-Programm: Alfred
(Heinz Schubert) schwadroniert, Michael staunt Bauklötze ...

… manchmal auch wie toter Frisör! Solcherlei Erkenntnisse verkündete zwischen 1973 und 1976 "Ekel Alfred".  

"Ein Herz und eine Seele" lief zunächst nur für die Zuschauer des Dritten Programms vom Westdeutschen Rundfunk, noch in schwarzweiß. Alle anderen, auch wir im Norden, bekamen Alfred Tetzlaff in der ARD erstmalig Silvester 1973 zu sehen und vor allem zu hören. Ich war sofort begeistert! 

So etwas hatte es im Fernsehen noch nicht gegeben! Familienserien zeichneten bis dahin oft das Bild einer liebenswerten Gemeinschaft, in der es zwar auch mal Ärger und Probleme gab, die aber stets zusammenhielt, wenn es darauf ankam. Die Charaktere waren fast ausnahmslos positiv besetzt: strenge, aber wohlmeinende Väter, warmherzige Mütter, quirlige Kinder, drollige Bekannte oder Großeltern, dazu das eine oder andere putzige Haustier.

 

Mit den "Unverbesserlichen" um Inge Meysels Mutter Scholz gab es allerdings bereits eine Kleinserie, die sich an die Realität wagte, welche eben nicht immer aus intakten Familien bestand und besteht. Doch die Tetzlaffs gingen noch einen Schritt weiter: hier wurde in der Person von Familienvater Alfred dem TV-Publikum ein Charakter vorgeführt, der widerwärtig und dabei nicht unrealistisch war! Autor Wolfgang Menge ("Das Millionenspiel", später Talkshowmaster von "Drei nach Neun") hatte die britische Serie "Till death us do part" messerscharf auf deutsche Verhältnisse übertragen.

Zu den Hauptpersonen:

 

Alfred (Heinz Schubert) ist spießig, feige, verlogen, ordinär, egoistisch, hinterhältig, unsensibel, reaktionär, ausländerfeindlich, rassistisch und tischt absurde Verschwörungstheorien auf (Ulbricht war Spion des Westens …). Er ist frauen- und kinderfeindlich und lässt keine Diffamierung aus. Seine Meinungen zu allem und jedem sind von Kenntnissen zumeist unbelastet. Seine Manieren lassen mehr als zu wünschen übrig. Nach "oben" ist Alfred devot, nach "unten" herrisch und aggressiv. Dass er als "Familienoberhaupt" in seinen eigenen vier Wänden allein zu bestimmen hat, steht für ihn außer Frage.

Seine Frau Else, geborene Böteführ (Elisabeth Wiedemann), steckt voller Enttäuschung und Verzweiflung darüber, wie sich ihre Ehe in rund 25 Jahren entwickelt hat. Sie ist gehemmt, unterwürfig, muckt nicht oder nur minimal auf gegen ihren Mann. Ihr Selbstbewusstsein ist gründlich zerstört, ihre geringe Allgemeinbildung führt sie immer wieder aufs Glatteis. Sie träumt vergeblich von einem trauten Heim – und von einem anderen Leben: "Das wär’ aber nicht schlecht, wenn der Herr SCH-midttt bei uns die Briefe austragen würde. Das wär’ doch mal was anderes hier in unserer Gegend! So ein gut aussehender Mann!" (Gemeint ist anno 1974 natürlich der Bundeskanzler).

Alfreds Frau Else (Elisabeth Wiedemann)
kurz vor der Silbernen Hochzeit ...

 


Rita (Hildegard Krekel) und Michael (Diether Krebs)

Schwiegersohn Michael Graf (Diether Krebs) stammt aus der DDR. Er ist derjenige, der Alfreds Hasstiraden immer wieder entlarvt und ihn demaskiert. Politisch dürfte er den Jusos nahestehen. Mit seiner oft hilflosen Schwiegermutter geht er rücksichtsvoll um. Manchmal benimmt er sich aber auch daneben, bekommt dann aber von seiner Frau Rita was zu hören. 

Alfreds Tochter Rita (Hildegard Krekel) versucht am meisten von allen, die Familie in den zahlreichen Konfliktsituationen zusammenzuhalten. Sie hat ein wachsames Auge auf die Aktivitäten ihres Mannes, der zuweilen anderen Frauen nachstellt. Dabei hat sie eine Menge für männliche Augen zu bieten. Alfred: "Man braucht sich ja nicht mal zu bücken, um Dir unter den Rock zu gucken!" – "Du nicht! Andere schon!" - Hildegard Krekel und Diether Krebs waren zur Drehzeit auch jenseits der Studiobühne ein Paar.

 


Rita und ihr Vater in der Küche.
Ihr Outfit gefällt ihm nicht.


Alfred und Koslowski dreschen mit Kaufmann Rübensahm (Winfried Lünemann)
Skat in Rudis Kneipe.



Koslowski (Jochen Stern)

 

Ein Kumpel von Alfred, Koslowski, taucht in mehreren Folgen auf. Koslowski ist ein "schmieriger", hinterhältiger Typ. – Sehr oft ist von der Nachbarin Frau Suhrbier die Rede, vor allem, weil sie zu Alfreds Ärger die "Sozis" wählt. Allerdings ist Frau Suhrbier im Laufe der gesamten Serie nicht einmal im Bild zu sehen! 

 


Dr. Keller untersucht den "schwerkranken"
 Familienvater

Einen grossen komödiantischen Auftritt hat Hans Mahnke als erkälteter und trinkfester Hausarzt Dr.Keller, der Alfreds angebliche Magenkrämpfe untersuchen soll: " 'n Abend, Herr Suhrbier! - - Ist der nicht tot?" - "Schon lange! Schließlich war er bei Ihnen in Behandlung!"


Dr. Keller (Hans Mahnke): selbst nicht ganz
auf dem Damm ...

 

Nicht überall wurde die Satire damals verstanden. Ich kann mich an Meinungsäußerungen erinnern, die in die Richtung gingen: "Bravo Alfred! Nicht einschüchtern lassen! Endlich sagt 's mal einer!" Andere fragten sich, ob im Fernsehen beleidigende Sprüche, etwa über die damaligen SPD-Bundeskanzler Brandt und Schmidt, und Kraftausdrücke wie "Scheiße!", "Halt 's Maul, Du Arschloch!" sowie die berühmt-berüchtigte "dusslige Kuh" nicht zu weit gingen. Schließlich zog Alfred massiv über Schwule her, über Juden, über Ausländer, Schwarze, über die "auch irgendwie Deutschen" in der "Zone", über Sozialdemokraten und Kommunisten. Etliche Berufsgruppen bekamen ihr Fett ab. Alfred polarisierte bei Einschaltquoten um die 60 % die Fernsehnation! Vielen Menschen wurde der Spiegel vorgehalten – und die fanden das oft gar nicht zum Lachen …

Auf Seite 2 geht es weiter! 

 

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