Fussball-Weltmeisterschaft 1966

1966 war auch für mich als Achtjähriger das erstes Sportjahr als TV-Zuschauer - sowie als  "Kicker"-Leser und als Sammler von Bundesligabildern der Verlage Sicker und Bergmann und außerdem, wenn ich sie ergattern konnte, von Knorr-Fertigsuppen-Bildern der WM-Nationalspieler: "Kraft in den Teller – Knorr auf den Tisch!" forderten Franz Beckenbauer, Lothar Emmerich und Siggi Held im Werbefernsehen. Nur meine Mutter war offenbar die einzige, die sich trotz meines Drängens beharrlich sträubte, Knorr zu kaufen. (rechts und unten: Knorr-Bilder)

 

Wir Dorfjungs kickten in der Nähe von Bremerhaven natürlich auch selber – auf dem Schulhof in den Pausen oder in der Sandkuhle neben dem Friedhof. Einen Sportverein gab es nicht, doch den brauchten wir auch nicht. Wir organisierten Spiele und Regeln selber. Unter uns gab es Fans vom neuen Deutschen Meister 1860 München mit dem angeblich besten Torwart der Welt, "Radi" Radenkovic, der manchmal auch noch vorne mitstürmte und in den Hitparaden mit "Bin i Radi, bin i König!" aufkreuzte. Auch der nach dem 2:1 gegen Liverpool  frischgebackene erste deutsche Europapokalsieger Borussia Dortmund mit den "terrible twins" Held und Emmerich sowie Trainer Willy "Fischken" Multhaup, hatte Anhänger. Der Manager des unterlegenen FC Liverpool, Bill Shankly, prägte damals den Satz: "Es gibt viele Leute, die denken, Fußball sei eine Sache auf Leben oder Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. - - - Ich versichere Ihnen: es ist weit ernster!"

 

Ich wurde nach kurzer Zeit zum glühenden Verehrer des Vereins, den ich dann auch im Weserstadion bestaunen durfte: Werder Bremen, der Deutsche Meister des Vorjahres, mit den "Ein-Mann-Torpedos" Horst-Dieter Höttges ("Eisenfuß") und Sepp Piontek (später u. a. Trainer von Dänemark), mit weiteren Stars wie Torwart Günter Bernard, "Pico" Schütz, Max Lorenz, Heinz Steinmann, Diethelm Ferner, Klaus "Zickzack" Matischak, Gerd Zebrowski und Werner Görts. Höttges wurde zu meinem Idol – ich fand es Klasse, wie er auf den Gegner zuschoß, ohne Rücksicht auf Verluste in ihn hineingrätschte, ihn vom Ball trennte, sofort wieder auf den Beinen war und den Ball erobert hatte. Spielerisch nicht gerade eine Offenbarung, kämpferisch aber sehr wohl.

Helmut Schön hatte für seinen ersten WM-Kader eine junge Mannschaft zusammengestellt.  Etliche Spieler waren erst zwei, drei Jahre zuvor Profis geworden: die Kölner Wolfgang Weber und Wolfgang Overath, die Dortmunder Siggi Held und Lothar „Emma“ Emmerich, der Bremer Horst-Dieter Höttges, der Münchner Franz Beckenbauer, der noch vor einem Jahr in der Regionalliga Süd mit den Bayern kickte. Zu den erfahrenen Spielern gehörten Torwart Hans Tilkowski (Dortmund), die Hamburger Uwe Seeler, "World Cup Willie" Schulz und die "Italiener" Karl-Heinz Schnellinger und Helmut Haller. Vereinzelt kamen ansonsten noch "Eia" Krämer (Meidericher SV, heute MSV Duisburg), Friedel Lutz (Eintracht Frankfurt) und Albert Brülls aus Italien zum Einsatz. Da noch nicht ausgewechselt werden durfte, drückten acht Spieler  nur die Reservebank: die Torhüter Günter Bernard (Werder Bremen) und Sepp Maier (Bayern München) sowie Bernd Patzke (1860 München), Wolfgang Paul (Dortmund), Klaus-Dieter Sieloff (VfB Stuttgart), Max Lorenz (Werder Bremen), Jürgen Grabowski (Frankfurt) und Heinz Hornig (Köln).

Nicht nominiert von den zahlreich zuvor getesteten Spielern wurden Lothar Ulsaß (Braunschweig), Horst Szymaniak (vom schlechtesten Bundesliga-Absteiger aller Zeiten, Tasmania 1900 Berlin, dem der Satz zugeschrieben wurde: "Ich will kein Drittel! Ich will ein Viertel!"), Sepp Piontek und Heinz Steinmann (Werder Bremen), Rudi Nafziger (Bayern München), Timo Konietzka, Peter Grosser, Rudi Brunnenmeier, Hans Küppers, Fredi Heiß, Hans Rebele (alle 1860 München) der Meidericher Torwart Manfred Manglitz, Jürgen Kurbjuhn, Willi Giesemann, Gerd "Charly" Dörfel (HSV), Günter Netzer (Mönchengladbach), Walter Rodekamp (Hannover 96), der Dortmunder Reinhard "Stan" Libuda ("An Gott kommt keiner vorbei! Außer Libuda!"), Hans Nowak (Schalke 04), Heinz Strehl (Nürnberg) und Karl-Heinz Thielen (1.FC Köln).

Uwe Seeler hatte besondere Popularität dadurch erlangt, daß er 1961 ein finanziell sehr lukratives Angebot von Inter Mailand ausgeschlagen hatte und beim Hamburger SV geblieben war. – Wolfgang Weber war 1965 in aller Munde: im Europapokalspiel gegen Liverpool hatte er mit gebrochenem Wadenbein zu Ende gespielt, inclusive Verlängerung! Damals waren Auswechslungen noch nicht möglich! Liverpool gewann das Entscheidungsspiel per Losentscheid.

Über eines allerdings herrschte unter uns Kindern zu WM-Beginn Einigkeit: die Antwort auf die entscheidende Frage, wer denn nun der beste Fußballer der Welt ist, lautete: Pelé! Vom Titelverteidiger und Doppelweltmeister Brasilien! Der war der Beste! Und dieser Superspieler, der alle in den Schatten stellte, war in England in der Vorrunde brutal zusammengetreten worden, Brasilien deswegen frühzeitig ausgeschieden! Eine Sauerei! Überhaupt wurde viel um sich getreten! Auch Argentinien und Uruguay langten kräftig hin, gerade auch gegen die deutsche Mannschaft!

Weiter geht es auf der Seite 3 ...

 

Zu den Weltmeisterschaften 1970 und 1974 und zur Europameisterschaft 1972 geht es, wenn ihr auf den entsprechenden Link klickt.

Home Zurück Seite 3Übersicht

Petra Nagel  ·  Feedback und Nachricht an mich   ·  Forum ·  Impressum · Datenschutz