Sonntage in Brevörde

05.04.13

Erinnerungen an... 

...Sonntage in Brevörde 

von Uwe Stender 

 

Meine Fernsehhelden existierten für mich mehr in meinem Kopf als auf dem Bildschirm. Wir hatten nämlich nur einen ockergelben Schwarzweissfernseher, der lediglich das erste Programm empfangen konnte. Das war meiner Schwester recht, die bei "Am Fuss der blauen Berge" sehnsuchtsvoll von Robert Fuller träumen konnte, aber meine Lieblingssendungen wurden hauptsächlich vom ZDF ausgestrahlt. Da gab es für mich nur zwei Möglichkeiten, meinen Idolen zu folgen.

Einerseits gab es die fast wöchentlichen Sonntagsfahrten zu meinem Grossvater. Das erlaubte mir immerhin, "Flipper", "Im Reich der wilden Tiere" und "Bonanza" zu schauen. Wir fuhren kurz nach dem sonntäglichen Mittagessen in unserem kackbraunen VW 1600 in Richtung Weserbergland in die Geburtsstadt meines Vaters, Brevörde, wo mein Grossvater auch im Rentenalter noch als Bürgermeister tätig war. Die Fahrt dauerte eine Stunde, was für mich bedeutete, nach der unvermeidlichen Begrüssungszeremonie rechtzeitig zu Beginn des Nachmittagsprogramms ins zweite Stockwerk zu entfliehen, wo ein altes Ehepaar, Kindheitsfreunde meines Opas, seit dem Tode meiner Grossmutter eine Wohnung zur Miete eingerichtet hatten.

 

Herr und Frau Rook schienen in ihr Wohnzimmer eingewachsen zu sein. Ich habe sie nie anders erlebt, als Frau Rook auf der alten Couch und Herrn Rook in einem gemütlichen, wenn auch eher schäbiggrünen Lehnsessel vor dem Fernseher sitzend. Ich klopfte an die Tür, trat ein und wurde sogleich von einer unglaublichen Hitzewelle erfasst. Der alte Kachelofen war - ob Sommer oder Winter - immer auf Hochtour und Herr Rook hatte seinen Sessel geschickt ins Zimmer platziert, so dass er zum einen direkt vor dem Fernseher und zum anderen direkt neben dem Ofen war, so dass er beim Kohlenachfüllen nicht aufstehen musste. Falls ich, bei guter Fahrtzeit, noch vor "Im Reich der wilden Tiere" eintraf, unterhielt mich Herr Rook mit kleinen Karten- und Zaubertricks und Worträtseln, die ich nie verstand, wie: "Was ist das? Wenn sie nicht alle reingehen, dann gehen sie alle rein und wenn sie alle reingehen, dann gehen sie nicht alle rein - Gläubige in die Kirche."  

Neben der subtropischen Hitzewelle, die ihren Ursprung in dem glühendheissen Ofen fand, empfing mich auch eine atemberaubende Rauchwolke, denn die zwei rauchten wie die sprichwörtlichen Schlote. Während ihr Gatte Zigarren bevorzugte und stetig an einer sog, inhalierte Frau Rook problemlos drei bis vier Schachteln Zigaretten an einem Nachmittag. Ich fühlte mich geborgen in diesem dunklen Zimmer, denn Licht war tabu, nur die Röhre des Fernsehers erhellte leicht das Zimmer, in dem ich dann fast schweigend den Rest des Besuches vor dem Fernseher verbrachte. Nach jeder Sendung wechselten wir ein paar Silben, bevor das nächste Programm begann. Nach "Bonanza", ja, meine Verwandtschaft war sehr rücksichtsvoll, weil sie sich mein Geplärre nicht zumuten wollte, verliess ich die Rooks in ihrer Welt, (ich schwöre, sie taten nichts anderes als den ganzen Tag Fernsehen zu schauen, zu rauchen und Kohlen in den Ofen zu geben), verabschiedete ich mich (um sie spätestens in zwei Wochen wieder zur selben Zeit in der selben Position, ich war überzeugt, in der selben Kleidung, vor dem Fernseher anzutreffen), um mit meinem Grossvater und meinen Eltern Abendessen einzunehmen. Wenn sich die Erwachsenen dann noch lange voneinander verabschiedeten, jachterte ich, "Bonanza" nachspielend, im Flur bis zur  Abfahrt herum.

Andererseits fand schliesslich meine zweite Heldenverehrungsmethode fast total in meiner Einbildung statt. Wenn meine Eltern keine Lust auf eine Sonntagsfahrt hatten, dann schmollte ich erst, um anschliessend den Rest des Tages die Episoden zu erfinden und mit meinen Cowboy-und Indianerfiguren auszuspielen. Ich begann mit der Lektüre der zusammenfassenden Programmvorschau von "TV Hören und Sehen", und basierte darauf meine Fantasiespiele. So habe ich unzählige Folgen wirklich nie gesehen, aber in mir ausgesponnen. Ich war später in meinem Leben des öfteren überrascht, wenn ich irgendeine Wiederholung zu sehen bekam, die ich aufgrund der Vorschau gesehen zu haben glaubte, wenn ich in Wirklichkeit sie nur unzählige Male durchgespielt hatte. Darüber hinaus musste ich meinen Vater mit Fragen wie "Wer ist stärker: Hoss oder Adam, Adam oder Little Joe, Little Joe oder Hoss, oder gar Ben" zur Verzweiflung getrieben haben, so dass er die achtzig Kilometer Fahrt mit anschliessender Sohnesübergabe und Rückfahrt meinem Gequengele fast jederzeit den Vorzug gab. Nur bei Schnee fuhr er nicht und so hasste ich als Kind Schnee...

 

Uwe als Vierjähriger, einige Jahre bevor ihn die große Leidenschaft zu "Bonanza" packte...

 

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