Für Thomas

20.07.08

Niemals hätte ich gedacht, dass ich hier mal eine Gedenkseite für dich einrichte. Niemals hätte ich gedacht, dass du so früh von uns gehen würdest!

Mein Bruder Thomas, dem ich die vorangegangenen Seiten gewidmet habe, ist am 25. Juni im Alter von 36 Jahren gestorben. Wie schlimm dies für mich war, kann wohl niemand wissen, höchstens erahnen.

Thomas war genau 9 Jahre und 11 Monate jünger als ich. Meine Mutter heiratete drei Jahre nach der Scheidung von meinem Vater wieder und knapp ein Jahr später bekam ich einen kleinen Bruder: Thomas. Schon als meine Mutter die Testergebnisse aus der Apotheke holte, wurde ich informiert: der Test war positiv!!! Was das bedeutete, war mir zwar nicht ganz klar, aber offenbar etwas gutes.

Als Thomas geboren wurde - am 21. Juli 1971 - war ich bei Onkel und Tante in den Ferien.

 

Ich führte geradezu einen Freudentanz auf, als die Postkarte meines Stiefvaters kam (damals schrieb man noch, Telefon hatten nur "reiche Leute"): 'Um 1.10 Uhr kam unser Thomas."

Meine Puppen wurden Nebensache, ich hatte jetzt einen kleinen Bruder, und meine Aufgabe als große Schwester nahm ich sehr ernst. Er war auch relativ unkompliziert, und ich konnte mich nicht erinnern, dass er mir jemals auf die Nerven ging - im Gegenteil. Ich wickelte, badete und fütterte ihn und blieb sogar des öfteren aus der Schule, um auf ihn aufzupassen. Unsere Familienverhältnisse waren kompliziert damals...

Als Thomas drei Jahre alt, bekam er auch einen kleinen Bruder: Martin. Martin war von Geburt an krank, er verbrachte mehrere Monate in der Kinderkardiologie in Mainz, und auch sonst war er anders als andere Kinder.

 

Thomas störte das nicht, er liebte seinen Bruder über alles und wenn jemand es wagte, Martin anzugreifen, bekam der es mit ihm  zu tun!

Als Thomas sechs war, ließ unsere Mutter sich erneut scheiden. Fortan lebten Mama, Thomas, Martin und ich allein. Eine schwere Zeit für uns alle. Meine Mutter fiel des öfteren aus, weshalb ich wohl so etwas wie eine "Ersatzmutter" für die beiden war, zumindest fühlte ich mich so.

Wir sahen viel fern in dieser Zeit, es war unsere Flucht aus dem Alltag. In den nächsten Monaten werde ich für Thomas noch ein wenig mehr die Kinderserien der 70er recherchieren, vielleicht kann ich damit ein kleines Stück Zeit mit ihm zurück holen.

Ich zog relativ spät zu Hause aus, ich war bereits 24. Mit 26 verließ ich die kleine Westerwaldstadt endgültig, es zog mich nach Bayern. Das Gefühl, meine Geschwister im Stich zu lassen, war jedoch immer da.

 

Thomas und ich verloren durch die doch sehr große Entfernung von knapp 500 km ein wenig den Kontakt. Ferngespräche waren teuer, und er schrieb nicht gerne. Meine Mutter hielt mich auf dem laufenden, und oft war es nichts gutes, was sie von ihm erzählte. Irgendwie konnte ich das nicht so recht glauben.

Als Thomas 19 war, heiratete er. Seine Frau war mehr als 10 Jahre älter als er, und ich war nicht begeistert. Er war doch noch so jung. Es erschien mir logisch, dass es eine Kurzschlusshandlung sein musste - vielleicht wollte er nur raus aus seinem Elternhaus (was ich hätte sehr gut verstehen können). Aber das war es wohl nicht.

 

Thomas heiratete nicht nur eine Frau, er heiratete eine Familie: zwei Söhne brachte Dagmar mit in die Ehe. In seinem jugendlichen Alter erbrachte er schon die Pflichten eines Familienvaters. Und er tat es gern - er schaffte sich seine eigene Familie.

Und wir beide verloren noch mehr den Kontakt, wir sahen uns zwar hin und wieder, aber nicht oft genug. Es war aber nicht schlimm, wir empfanden es beide nicht so. Wir hatten keinen Streit, wir liebten uns nach wie vor, aber jeder führte sein eigenes Leben. Thomas fuhr jedes Jahr mit Frau und Kindern nach Tschechien, woher seine Familie stammte, alles lief seinen Lauf...

Bis zum Jahr 2001, als unsere Mutter starb. Für Thomas, Martin und mich ein sehr schwerer Schlag. Obwohl es kompliziert mit ihr war, liebten wir sie doch sehr. Merkwürdigerweise brachte uns der Tod einander wieder näher.

 

Wir sahen uns nunmehr zweimal im Jahr, um gemeinsam das Grab von Mama zu besuchen. Auch hatte ich ein schlechtes Gewissen, ihn mit der Sorge um Martin, der im Heim lebte, allein zu lassen. Doch Thomas beklagte sich nie, die räumliche Nähe zum Heim machte es auch nicht anders möglich. Martin brauchte eine Bezugsperson, und nachdem Vater und Mutter verstorben waren, war es nur logisch, dass sein großer Bruder Thomas nun übernahm.

Als Martin im November 2004 starb, war es für Thomas am schlimmsten. Er sagte damals zu mir, dass es kein Vergleich sei mit dem Tod von Vater und Mutter. Damals wollte Thomas unbedingt ein Doppelgrab für sich und Martin kaufen, doch die Stadt erlaubte es nicht. Thomas sei noch zu jung, es sei nicht zu erwarten, dass er innerhalb der nächsten Jahre sterben würde.

In der Nacht vor Martins Beerdigung schrieb Thomas die ganze Nacht an einem Brief für Martin, den er mit ins Urnengrab gab. Es war ein sehr anrührender, liebevoller Brief für seinen jüngeren Bruder, und wenn man ihn lesen durfte, so wie ich, kann man ermessen, was Thomas damals fühlte. Thomas hat der Glaube, dass Martin seine Eltern wieder sehen würde, und alle gemeinsam glücklich wären, sehr geholfen. Sein letzter Satz in diesem Brief ließ darauf schließen, dass auch er hoffte, Martin irgendwann wieder zu sehen.

Nur wollte er das gewiss nicht so schnell.

 

Seit etwa fünf Jahren hatte Thomas Herzprobleme. Doch er nahm sie - ebenso wie wir - wohl nicht sehr ernst, obwohl er jedes Jahr einmal im Krankenhaus war. Wasser im Herz, ein übergroßes Herz, Übergewicht, ein Herzklappenfehler ... Und dann noch Probleme im Geschäft (Thomas war selbständig). Thomas spannte nur einmal wirklich aus: im Jahr 2006 ging es in die Dominikanische Republik. Ich erinnere mich noch gut, wie er mich damals anrief, ganz aufgeregt. Sein erster Flug! Danach "musste" ich mir schätzungsweise 600 Fotos anschauen. Er war so glücklich. Und plante fortan, die Welt zu erobern. Die Reiseführer in seinem Regal sprachen Bände: Kuba, Mexiko, Teneriffa, Griechenland... Aber es kam anders. Seine Schwiegermutter wurde sehr krank, und erstmals war es aus mit den Plänen. Doch man hatte ja noch Zeit...

Ja, das glaubten wir alle. Am 25. Juni 2008 um 13.40 Uhr hörte der Rettungsdienst auf, ihn zu reanimieren. Mein kleiner Bruder war tot.

Ich kann es immer noch nicht glauben - es ist mir, als habe man mir nicht nur einen der liebsten Menschen, sondern auch meine komplette Kindheit, die untrennbar mit ihm verbunden ist, geraubt. Es ist nichts im Vergleich, was seine Frau und ihre Söhne empfinden, aber trotzdem ist dieser Verlust für mich der bisher größte. Ich weiß jetzt, was Thomas damals bei Martin empfand.

Lieber Thomas, ich danke dir für die Zeit, die ich mit dir verbringen durfte. Ich hoffe, du hast keine Schmerzen und Sorgen mehr und hast deinen Vater, Mama und Martin wieder getroffen.

 

Morgen, am 21. Juli, hättest du Geburtstag. Das wird ein schlimmer Tag für uns alle. Es tröstet mich ein wenig, dass du ein glückliches Leben, trotz aller Sorgen, geführt hast. Die Entscheidung, so früh eine Familie zu gründen und an der wir alle gezweifelt haben, war genau die richtige für dich. Du hast es anders gemacht als deine Eltern: du bliebst bis zu deinem Tod bei deiner Frau, niemals hast du diese Entscheidung in Frage gestellt. Du hattest viele Freunde, die dich gern hatten. Das ist mehr, als viele andere haben. Trotzdem: du fehlst uns so sehr. Nichts ist mehr so wie vorher.

Ich hab' dich lieb, mein Kleiner. Die Welt ist dunkler ohne dich.

Einen Wunsch konnten wir Thomas erfüllen, und ich bin sicher, er hätte es genauso gewollt: meine Mutter und Martin wurden ausgebettet und sind nun zusammen mit Thomas in einem Doppelurnengrab. Auch meine Mutter und Martin hätten sich dies gewünscht.

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