Beatclub

Aus heutiger Sicht ist es schon faszinierend, noch mal nacherleben zu können, wie sich die Sendung von Jahr zu Jahr weiterentwickelt hat. Dem entsprach eine rasante Entwicklung von Teilen der Jugend insgesamt und zwar just zur selben Zeit. Von Teilen wohlgemerkt - diese Flower-Power-Zeit sollte nicht romantisiert oder gar mystifiziert werden. Nicht alle revoltierten. - Manches von der Aufbruchstimmung spiegelt sich in den Beat-Club-Sendungen wider: die heute vollkommen brav und artig wirkenden Anfänge 1965/66, dann die Hochzeit der Hippies ("Summer of love") und die ersten nicht mehr ganz so smarten Typen ca. 1967/68, dazu eine immer wilder werdende Bildregie (rasante Schnitte, fast schon orgiastische Überblendungen und Collagen), vermehrte Blues-Einflüsse und stärkere Politisierung (Vietnamkrieg u.a.) ca. 1969/70 und schließlich die "Akademisierung" durch diverse Supergroups wie Emerson, Lake + Palmer, in denen bereits das Ende dieser Hochphase der Rockmusik angelegt war.

 

Heutige Betrachter werden sicherlich kaum noch Anstößiges in den Sendungen finden - das sah aber seinerzeit ganz anders aus!  In einer Folge etwa von 1966 verlas Uschi Nerke Briefe von jungen Zuschauern, deren Namen auf keinen Fall genannt werden sollten, weil sie ansonsten Ärger zu Hause, an der Schule oder bei der Arbeit befürchteten!  

Ein Briefeschreiber aus Nürnberg dachte "an unseren Führer, der so etwas nicht zugelassen hätte" und empfahl "die Deportation des ganzen Gesindels nach Vietnam". (Quelle: "Spiegel" 35/1968). 

"Das Gejaule glich einer wilden unterentwickelten Horde von Wilden, die vor dem Marterpfahl einen Kriegstanz absolvierten." *

"
Dieser Scheißdreck, den Sie uns in dieser Sendung gebracht haben, ist eine sog. Schande, 'Entartete Kunst'! Denken Sie, dass Ihre ganze Hörerschaft nur aus idiotischen Halbstarken besteht?" *

"Meinen Kindern würde ich eher den Hosenboden versohlen, bevor sie sich noch einmal so einen Blödsinn ansehen- und hören müssen." *

" … was diese langhaarigen flegel die lords sich im augenblick in preussischen uniformen leisten, ist der gipfel der geschmacklosigkeit. entweder besteht die leitung ihres senders aus kommunisten oder gesinnungslumpen." *

"Diese Sendung war ein Skandal. Als Schulerzieher, Vorsitzender eines Stadt- und Kreisjugendrings und Mitarbeiter in anderen Gremien der Jugendarbeit  gestatten Sie mir daher, Sie an Ihre pädagogische Verantwortung zu erinnern. … Die widerlich schamlose Mini-Tänzerin im ersten Teil der Sendung war wohl in ihrer widerlichen Obszönität  unübertrefflich …" *

"Dieses 'Geheule', das war ja was für gehirnlose Grasaffen. … Wenn das mit dem Beat-Club so weitergehen soll, dann kann ich nur hoffen, dass das Studio von Radio Bremen … bis auf die Grundmauern nieder brennt." *

* Quelle jeweils Thorsten Schmidt (Hg.): "Beat Club – alle Sendungen – alle Stars – alle Songs", Kultur Buch Bremen, 2005 (Bestell-Link am Ende des Artikels)

 

So war's vielerorts - auch noch ein paar Jahre später, als meine Haare ebenfalls länger wurden. Aber die Begeisterung der Jugendlichen war nicht zu bremsen! Im Gegenteil: das massive Geifern machte "ihre" Sendung vermutlich noch spannender! 

Dank des "Beat-Clubs" und des frühen "Musikladens" hatten auch hierzulande die rockbegeisterten Jugendlichen die Chance, ihre Idole mal in Aktion zu sehen. Ohne diese Sendungen wären etwa Beatles, Stones, Who, Kinks, Eric Clapton, Santana, Deep Purple, Ike+Tina Turner, John Mayall, Rory Gallagher, Eric Burdon, Roxy Music usw., usw. im TV der 60er bis Mitte 70er so gut wie nicht vorhanden gewesen! 

Ende 1972 startete der Beat-Club-Nachfolger, der "Musikladen". Regisseur Mike Leckebusch wollte ein breiteres Publikum ansprechen: " … bin soweit vorgeprescht, dass ich zum Schluss nur noch Hasch-Raucher am Apparat hatte." (TV Guide, 1993)

 

Wieder bei Radio Bremen. Und wieder mit Uschi Nerke, jetzt gemeinsam mit Manfred Sexauer. Die beiden Moderatoren führten mit lockerem Stil durch die Sendung, ohne sich dabei zum Affen zu machen wie so viele andere TV-Moderatoren damals (und heute). Uschi Nerke gehörte seinerzeit für mich zu den ganz wenigen TV-Frauen, die nicht das kleine, artige und liebliche Dummchen vorgaben, sondern selbstbewusst auftraten. Der "Musikladen" enthielt in seinen ersten Jahren neben Livemusik für damalige TV-Verhältnisse freches Kabarett bzw. "Nonsens" sowie politische Cartoons. Letztere fand ich immer etwas holzschnittartig, aber ansonsten gefiel mir die Mischung. Aus heutiger Sicht harmlose Sketche von "Blödelbarden" à la Insterburg und Co., die auch mal unter die Gürtellinie gingen, fanden damals nur bei Radio Bremen statt – andere Sender hatten dafür keinen Platz! Es sollte noch ein bisschen dauern, bis ein gewisser Otto Waalkes aus Ostfriesland mit der Verklemmtheit im deutschen Fernsehen gründlich aufräumte…

 

 

 

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Jede Menge Stars gibt es in den folgenden drei Dia-Shows - auch hier der Hinweis, dass das Copyright für alle Bilder bei Radio Bremen liegt. Wer nun neugierig geworden ist, dem sei das Material dazu empfohlen - sicher auch interessant für Kinder der Beatclub-Zuschauer ;-) Direkt über diese Seite bestellbar, aber auch bei jedem anderen Händler, z. B. :

 

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The Story of Beat-Club: 1968-1970 (8 DVDs)

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