Harry war erleichtert - die
Minuten in der kleinen Büchereiküche mit Uschi waren ihm schon zu lang
geworden. Irgendwie erinnerte ihn die Uschi an eine alte Liebe seines
jüngeren Bruders Erwin. Erwin arbeitete bei der Polizei in München, und im
Gegensatz zu ihm war er mittlerweile wirklich Kommissar geworden. Tja, in
dem Kommissariat hatte er, Harry, auch schon mal gearbeitet. Lang war es her
- damals bei Kommissar Keller. Er wäre vielleicht besser da geblieben? Aber
dann hätte er mit Sicherheit nicht Martina kennen gelernt und diese
liebenswerten Norddeutschen.
Zum Beispiel seinen Freund Otto Schwily, der endlich eintraf, im Schlepptau
natürlich die Presse, vertreten durch Ulrich Zwickert und - das, was ja
kommen musste, Pfarrer Mücke, der es ständig zu riechen schien, wenn etwas
in der Gemeinde passierte und ungefragt gute Ratschläge gab. Pfarrer Mücke,
der bisher noch nicht herausgefunden hatte, dass er, Harry, wie jeder gute
Bayer, katholisch war! Aber Harry bemühte sich, evangelisch auszusehen.
Immerhin hatte man Martina geglaubt, evangelisch zu sein. Okay, sie war es
ja auch. Was machte man nicht alles für einen Job.
Jetzt fingerte dieser Mücke doch an seiner Martina rum - das war zu viel.
Harry räusperte sich. Mücke lächelte ihn hinterlistig an. Otto Schwily
sprach mit dem Doktor, Marvin Arm-Schwanitzky telefonierte mit der
Buchhandlung in Nordenham und gab lautstark seine Kritik ab zum neuen
Eva-Herbert Buch, Ulrich Zwickert machte sich Notizen, Uschi sortierte die
Marie-Luise-Fischer-Bücher neu, und er - Harry - stand da wie bestellt und
nicht abgeholt. Genau wie früher. Dabei war er als erster am Tatort gewesen!
Jetzt kam Otto auf ihn zu. "Harry, was machst du eigentlich hier?" "Martina
hat mich angerufen. Sie..." "Du mischst dich aber nicht schon wieder ein? Du
versprichst mir, dass du nicht Derrick anrufen wirst? Ich habe keine Lust,
jeden Abend mit ihm zu telefonieren und gute Ratschläge zu bekommen. Dr.
Markussen ist eines natürlichen Todes gestorben, sagt Dr. Brinkmann." "Du
sagst, er ist eines natürlichen Todes gestorben?" stotterte Harry. "Ja, es
war ein natürlicher Tod", sagte der junge Dr. Brinkmann und stellte seine
Tasche auf den Tresen. Martina lächelte ihn an. Dr. Brinkmann beugte sich
vertraulich runter zu ihr und meinte: "Sagen Sie mal, Sie wohnen doch neben
dem alten Knaben. Das ist doch ein Riesenhaus, oder? Viel Platz für eine
Praxis, wahrscheinlich ist sie sogar noch voll eingerichtet?" "Er hat ja
noch praktiziert, mein alter Freund Markussen", mischte sich nun
Arm-Schwanitzky ein. "Er wird uns fehlen in Kirchhammelwarden. Ein sehr
kluger Mann. Er hat sich wahnsinnig über dieses neue Grass-Buch aufgeregt."
"Sie sagen, er hat sich über das Grass-Buch aufgeregt?" Das war Harrys
Chance. Doch Otto Schwily winkte ab. "Schluss jetzt. Der Fall ist
abgeschlossen." Er bat Uschi, den örtlichen Beerdigungsunternehmer
anzurufen. Doch Dr. Brinkmann scharwenzelte immer noch um Martina herum.
"Wissen Sie, mein Bruder Udo sucht einen neuen Wirkungskreis. Glauben Sie,
er kann sich die Praxis mal ansehen?" Martina sah ihn verwirrt an. "Woher
soll ich das wissen? Ich habe Dr. Markussen nur vom Sehen gekannt. Er mochte
mich nicht." "Er mochte Sie nicht? Aber - wie kann das denn sein? Eine so
hübsche Frau wie Sie?" "Es geht Sie überhaupt nichts an, ob meine Frau
hübsch ist oder nicht!" mischte sich Harry ein. "Und über die Praxis reden
Sie am besten mit Dr. Markussens Tochter. Sie wohnt in Käseburg." Dr.
Brinkmann warf Martina noch einen feurigen Blick zu und verschwand. Auch
Ulrich Zwickert war bereits wieder gefahren - er musste unbedingt einen
würdigen Nachruf verfassen. Pfarrer Mücke war nach einem geheuchelten
"Passen Sie gut auf sich auf" in die Kirche entschwunden. Und er? Harry?
Stand da, ohne Fall. Oder vielleicht doch nicht?
Was wäre denn, wenn er trotzdem die Ermittlungen aufnahm? Ein 80jähriger
gesunder Mann fiel doch nicht einfach um, oder? Die sollten sich mal Stephan
ansehen, der war noch immer bei bester Gesundheit. Vielleicht einfach mal
Stephan fragen, was er zu dem Thema sagte?
Am liebsten
wäre Harry einfach nach Hause gefahren, hätte die Sache vergessen und hätte
sich seinem Garten gewidmet. Stephan anrufen erschien ihm auch nur von allen
schlechten Lösungen die beste, oftmals verstand er nicht, worauf Stephan
hinaus wollte und war es eher gewohnt, genau Anweisungen auszuführen. Und er
wollte das alles auch nicht mehr.
Aber
intuitiv spürte Harrys Martinas Vorwurf, bliebe er jetzt untätig.
Schließlich hatte sie ihn zuerst angerufen. Er musterte ihr hübsches
Gesicht, als sie ihm schweigend die Ausleihe für den Simmel-Roman "Es muss
nicht immer Kaviar sein" fertig machte.
"Denk dran, zwei Wochen hast Du Zeit, verlängern muss hier angemeldet
werden." Fast mürrisch schleuderte sie ihm das zerlesene Exemplar über den
Tisch. Harry versuchte, ihre Hand zu ergreifen, aber scheinbar beschäftigt
zog Martina diese schnell zurück und verschwand zwischen Bücherkartons mit
Aufschrift "Book&Sail Nordenham 2006".
Harry drehte sich um und war unschlüssig, ob er jetzt wirklich nach Hause
fahren sollte. Da war schließlich Ivan, der ihm sicherlich die Geschichte
nicht ohne Spott aus der Nase ziehen würde. Harrys Blick fiel auf das
Grass-Buch, dass nun auf einem kleinen Lesetischchen lag. "'Beim Häuten der
Zwiebel', so ein Quatsch", murmelte Harry und drehte und wendete das Buch in
seinen Händen. Hinten auf dem Umschlag hatte man das Foto von einem alten
Mann mit einem dicken großen Schnurrbart abgedruckt. "Wie Hotzenplotz",
dachte Harry und musste über seinen eigenen lustigen Gedanken laut lachen,
so dass er sofort von Arm-Schwanitzky einen vernichtenden Blick erntete.
Aber durch das Lachen löste sich die Verkrampfung, die sich in den letzten
Minuten in Harry breit gemacht hatte und besser gelaunt beschloss er,
nochmals den Tatort genau zu besichtigen. Nach einer weiteren Befragung von
Martina und Uschi, wo denn Dr. Markussen genau stand (Allein durch die Frage
"Wo stand er?" mit den nötigen Nachfragen und Erwiderungen "Du fragst mich,
wo er stand?" - Hörst Du Uschi? Er fragt ....", benötigte dieses 20 Minuten)
wusste Harry soviel: Dr. Markussen stand schräg, für Uschi und Martina im
toten Winkel, zum Regal mit den Neuerscheinungen, er hatte höchstens
Sekunden das Grass-Buch in der Hand gehabt, als er lautlos zusammenbrach.
Arm-Schwanitzky war nach eigenem Bekunden längere Zeit auf Toilette gewesen,
da er nach dem neuen Eva Herbert Buch eine doch recht starke Darmverstimmung
bekommen habe, wie er etwas verhalten bekannte.
Harry
stellte sich genau so hin, wie Dr. Markussen gestanden haben mußte. Zwar war
er kleiner als der Arzt, aber so hieß er ja schließlich auch.
So, wenn er genauso stand ..., ja, dann fiel sein Blick auf ein kleines
Fenster, das ihm zuvor noch gar nicht aufgefallen war. Es lag zwischen den
Regalen und der kleinen Küche und gab den Blick auf den Friedhof frei. "Das
ist ja interessant", dachte Harry und schritt näher zum Fenster. Zu seiner
Überraschung war dieses nur angelehnt. Er öffnete es und sah hinaus. Im
etwas feuchten Gras konnte man deutlich Fußabdrücke sehen vor dem Fenster,
und zusätzlich lag auf dem Boden, klar dass jetzt jeder denkt, eine
Zigarettenkippe, nein, dort lag eine Jubiläumsausgabe der "Bravo".
Die "Bravo" war Harry ein Begriff, hatte er doch viele Briefe an Dr. Sommer
geschrieben. So leise wie möglich kletterte er hinaus und hüpfte auf den
Rasen.
Die "Bravo" war etwas nass, sonst aber so gut wie neu. Einige Seiten
schienen aber zu fehlen. Er beschloss, dem später in Ruhe auf den Grund zu
gehen. Im nächsten Augenblick bedauerte Harry, mit einem Satz auf den Boden
gesprungen zu sein, da er so die anderen Fußspuren so gut wie vernichtet
hatte. Stephan wäre das nicht passiert, aber der wäre auch nie geklettert.
Ach, nicht schon wieder Stephan. "Sie müssen lernen, auch ohne Stephan Harry
zu sein", hatte ihm doch seine Psychologin Frau Kallwass erklärt.
Harry war zwar mit ganzem Herzen
Kriminaler (jetzt ja Detektiv), aber was die Spurenleser da manchmal
herausfanden, entzog sich seiner Kenntnis. Er bewunderte immer die Leute in
der Gerichtsmedizin und war ein großer Fan von Quincy. Ja, Quincy – der
hätte wahrhaftig Derrick öfter mal auf die Sprünge helfen können. Mancher
Fall wäre viel schneller gelöst worden. Ob es hier im Ort nicht so einen
Quincy gab? Wer war denn der Typ, mit dem Otto Schwily immer kam, wenn es
einen Mord gab? Es gab doch mit Sicherheit auch in Brake eine
Spurensicherung? Hatte es überhaupt schon mal einen Mord in Brake gegeben?
Hm, und er hatte noch nicht mal eine Digitalkamera, nur so eine uralte
Polaroid-Kamera, wo man erst 90 Sekunden warten musste, um ein klares Bild
zu haben. Und die hatte er natürlich nicht mit. Eine Plastiktüte auch nicht.
Die Spurensicherer hatten doch immer Plastiktüten, in die sie was rein
taten, was dann später im Labor angeschaut wurde und meist zur Verhaftung
des wahren Täters führte. In jedem Fall brauchte er mal eine Plastiktüte für
die BRAVO - und wenn er mit einer Schaufel vorsichtig den Fußabdruck
hochhob? Ob das ging? Vielleicht sollte er sich erst mal eine Plastiktüte
besorgen, gleich gegenüber in der Metzgerei von Stefan Schwaab. Der immer so
breit grinste und aussah, als ob er 32 Zähne hatte (aber alle oben). Damit
das nicht so auffiel, kaufte er am besten – als Alibi sozusagen – zwei
Schnitzel. Für ihn und Ivan. Martina war Vegetarierin, schade, sie wusste
nicht, was ihr entging. Immer nur gegrillte Maiskolben im Sommer. Hm, ein
g'scheiter Leberkas wär' jetzt was. Wie oft wäre ihm schon in München immer
danach gewesen. Aber Stephan hatte immer die Nase gerümpft, wenn er so was
geäußert hatte, und in Grünwald war die Metzgereiendichte nicht so stark. Ob
Stefan Schwaab einen Leberkas hatte?
Harry griff nach seiner Geldbörse, die wie immer in der linken Hosentasche
steckte. Wenn er sie aufklappte, konnte man zwei Fotos sehen: natürlich
Stephan (an seinem 50. Geburtstag, da arbeiteten sie gerade mal ein paar
Wochen zusammen) und Martina. Okay, er hatte noch die beiden 5-Euro-Scheine,
das reichte sicher für zwei Schnitzel und die Leberkas-Semmel. Und ganz
unauffällig nach der Plastiktüte fragen! Pfeifend (ganz unauffällig) ging
Harry zur anderen Straßenseite. Nein, er glaubte nicht, dass Dr. Markussen
an Altersschwäche gestorben war. Niemals!
Doch bevor er die Tür der Metzgerei öffnen konnte, wurde diese von innen
aufgestemmt, Harry fiel hin, eine Tüte mit Fleisch und Zamek-Dosensuppen
wurde ihm an den Kopf geschleudert, leicht benebelt sah er eine Gestalt
davonlaufen, hinter ihm her lief der wackere Metzgermeister Schwaab, gefolgt
von seinem faulen Azubi, die beide "Haltet den Dieb! Polizei!" riefen.
Polizei? Wozu das denn? Er war doch da! Harry griff sich die Tüte, die der
Dieb ihm an den Kopf geworfen hatte und nahm gemeinsam mit Metzgermeister
Schwaab und Azubi die Verfolgung auf. Wer weiß – wer Dosensuppen und
Bratwürste klaute, nietete vielleicht auch alte Doktoren um?