Klein, aber oho! - Teil 2

Das zweite Leben des Harry Klein
Eine tvforen-Serie von
Helli Gräfin E. und Paula Tracy

 

1. (und leider bisher einzige) Folge: "Der Fall Grass. Sie sagten Grass?" (Fortsetzung)

Harry war erleichtert - die Minuten in der kleinen Büchereiküche mit Uschi waren ihm schon zu lang geworden. Irgendwie erinnerte ihn die Uschi an eine alte Liebe seines jüngeren Bruders Erwin. Erwin arbeitete bei der Polizei in München, und im Gegensatz zu ihm war er mittlerweile wirklich Kommissar geworden. Tja, in dem Kommissariat hatte er, Harry, auch schon mal gearbeitet. Lang war es her - damals bei Kommissar Keller. Er wäre vielleicht besser da geblieben? Aber dann hätte er mit Sicherheit nicht Martina kennen gelernt und diese liebenswerten Norddeutschen.

Zum Beispiel seinen Freund Otto Schwily, der endlich eintraf, im Schlepptau natürlich die Presse, vertreten durch Ulrich Zwickert und - das, was ja kommen musste, Pfarrer Mücke, der es ständig zu riechen schien, wenn etwas in der Gemeinde passierte und ungefragt gute Ratschläge gab. Pfarrer Mücke, der bisher noch nicht herausgefunden hatte, dass er, Harry, wie jeder gute Bayer, katholisch war! Aber Harry bemühte sich, evangelisch auszusehen. Immerhin hatte man Martina geglaubt, evangelisch zu sein. Okay, sie war es ja auch. Was machte man nicht alles für einen Job.

Jetzt fingerte dieser Mücke doch an seiner Martina rum - das war zu viel. Harry räusperte sich. Mücke lächelte ihn hinterlistig an. Otto Schwily sprach mit dem Doktor, Marvin Arm-Schwanitzky telefonierte mit der Buchhandlung in Nordenham und gab lautstark seine Kritik ab zum neuen Eva-Herbert Buch, Ulrich Zwickert machte sich Notizen, Uschi sortierte die Marie-Luise-Fischer-Bücher neu, und er - Harry - stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Genau wie früher. Dabei war er als erster am Tatort gewesen!

Jetzt kam Otto auf ihn zu. "Harry, was machst du eigentlich hier?" "Martina hat mich angerufen. Sie..." "Du mischst dich aber nicht schon wieder ein? Du versprichst mir, dass du nicht Derrick anrufen wirst? Ich habe keine Lust, jeden Abend mit ihm zu telefonieren und gute Ratschläge zu bekommen. Dr. Markussen ist eines natürlichen Todes gestorben, sagt Dr. Brinkmann." "Du sagst, er ist eines natürlichen Todes gestorben?" stotterte Harry. "Ja, es war ein natürlicher Tod", sagte der junge Dr. Brinkmann und stellte seine Tasche auf den Tresen. Martina lächelte ihn an. Dr. Brinkmann beugte sich vertraulich runter zu ihr und meinte: "Sagen Sie mal, Sie wohnen doch neben dem alten Knaben. Das ist doch ein Riesenhaus, oder? Viel Platz für eine Praxis, wahrscheinlich ist sie sogar noch voll eingerichtet?" "Er hat ja noch praktiziert, mein alter Freund Markussen", mischte sich nun Arm-Schwanitzky ein. "Er wird uns fehlen in Kirchhammelwarden. Ein sehr kluger Mann. Er hat sich wahnsinnig über dieses neue Grass-Buch aufgeregt." "Sie sagen, er hat sich über das Grass-Buch aufgeregt?" Das war Harrys Chance. Doch Otto Schwily winkte ab. "Schluss jetzt. Der Fall ist abgeschlossen." Er bat Uschi, den örtlichen Beerdigungsunternehmer anzurufen. Doch Dr. Brinkmann scharwenzelte immer noch um Martina herum. "Wissen Sie, mein Bruder Udo sucht einen neuen Wirkungskreis. Glauben Sie, er kann sich die Praxis mal ansehen?" Martina sah ihn verwirrt an. "Woher soll ich das wissen? Ich habe Dr. Markussen nur vom Sehen gekannt. Er mochte mich nicht." "Er mochte Sie nicht? Aber - wie kann das denn sein? Eine so hübsche Frau wie Sie?" "Es geht Sie überhaupt nichts an, ob meine Frau hübsch ist oder nicht!" mischte sich Harry ein. "Und über die Praxis reden Sie am besten mit Dr. Markussens Tochter. Sie wohnt in Käseburg." Dr. Brinkmann warf Martina noch einen feurigen Blick zu und verschwand. Auch Ulrich Zwickert war bereits wieder gefahren - er musste unbedingt einen würdigen Nachruf verfassen. Pfarrer Mücke war nach einem geheuchelten "Passen Sie gut auf sich auf" in die Kirche entschwunden. Und er? Harry? Stand da, ohne Fall. Oder vielleicht doch nicht?

Was wäre denn, wenn er trotzdem die Ermittlungen aufnahm? Ein 80jähriger gesunder Mann fiel doch nicht einfach um, oder? Die sollten sich mal Stephan ansehen, der war noch immer bei bester Gesundheit. Vielleicht einfach mal Stephan fragen, was er zu dem Thema sagte?

Am liebsten wäre Harry einfach nach Hause gefahren, hätte die Sache vergessen und hätte sich seinem Garten gewidmet. Stephan anrufen erschien ihm auch nur von allen schlechten Lösungen die beste, oftmals verstand er nicht, worauf Stephan hinaus wollte und war es eher gewohnt, genau Anweisungen auszuführen. Und er wollte das alles auch nicht mehr.

Aber intuitiv spürte Harrys Martinas Vorwurf, bliebe er jetzt untätig. Schließlich hatte sie ihn zuerst angerufen. Er musterte ihr hübsches Gesicht, als sie ihm schweigend die Ausleihe für den Simmel-Roman "Es muss nicht immer Kaviar sein" fertig machte.
"Denk dran, zwei Wochen hast Du Zeit, verlängern muss hier angemeldet werden." Fast mürrisch schleuderte sie ihm das zerlesene Exemplar über den Tisch. Harry versuchte, ihre Hand zu ergreifen, aber scheinbar beschäftigt zog Martina diese schnell zurück und verschwand zwischen Bücherkartons mit Aufschrift "Book&Sail Nordenham 2006".

Harry drehte sich um und war unschlüssig, ob er jetzt wirklich nach Hause fahren sollte. Da war schließlich Ivan, der ihm sicherlich die Geschichte  nicht ohne Spott aus der Nase ziehen würde. Harrys Blick fiel auf das Grass-Buch, dass nun auf einem kleinen Lesetischchen lag. "'Beim Häuten der Zwiebel', so ein Quatsch", murmelte Harry und drehte und wendete das Buch in seinen Händen. Hinten auf dem Umschlag hatte man das Foto von einem alten Mann mit einem dicken großen Schnurrbart abgedruckt. "Wie Hotzenplotz", dachte Harry und musste über seinen eigenen lustigen Gedanken laut lachen, so dass er sofort von Arm-Schwanitzky einen vernichtenden Blick erntete.

Aber durch das Lachen löste sich die Verkrampfung, die sich in den letzten Minuten in Harry breit gemacht hatte und besser gelaunt beschloss er, nochmals den Tatort genau zu besichtigen. Nach einer weiteren Befragung von Martina und Uschi, wo denn Dr. Markussen genau stand (Allein durch die Frage "Wo stand er?" mit den nötigen Nachfragen und Erwiderungen "Du fragst mich, wo er stand?" - Hörst Du Uschi? Er fragt ....", benötigte dieses 20 Minuten) wusste Harry soviel: Dr. Markussen stand schräg, für Uschi und Martina im toten Winkel, zum Regal mit den Neuerscheinungen, er hatte höchstens Sekunden das Grass-Buch in der Hand gehabt, als er lautlos zusammenbrach. Arm-Schwanitzky war nach eigenem Bekunden längere Zeit auf Toilette gewesen, da er nach dem neuen Eva Herbert Buch eine doch recht starke Darmverstimmung bekommen habe, wie er etwas verhalten bekannte.

Harry stellte sich genau so hin, wie Dr. Markussen gestanden haben mußte. Zwar war er kleiner als der Arzt, aber so hieß er ja schließlich auch.

So, wenn er genauso stand ..., ja, dann fiel sein Blick auf ein kleines Fenster, das ihm zuvor noch gar nicht aufgefallen war. Es lag zwischen den Regalen und der kleinen Küche und gab den Blick auf den Friedhof frei. "Das ist ja interessant", dachte Harry und schritt näher zum Fenster. Zu seiner Überraschung war dieses nur angelehnt. Er öffnete es und sah hinaus. Im etwas feuchten Gras konnte man deutlich Fußabdrücke sehen vor dem Fenster, und zusätzlich lag auf dem Boden, klar dass jetzt jeder denkt, eine Zigarettenkippe, nein, dort lag eine Jubiläumsausgabe der "Bravo".

Die "Bravo" war Harry ein Begriff, hatte er doch viele Briefe an Dr. Sommer geschrieben. So leise wie möglich kletterte er hinaus und hüpfte auf den Rasen.

Die "Bravo" war etwas nass, sonst aber so gut wie neu. Einige Seiten schienen aber zu fehlen. Er beschloss, dem später in Ruhe auf den Grund zu gehen. Im nächsten Augenblick bedauerte Harry, mit einem Satz auf den Boden gesprungen zu sein, da er so die anderen Fußspuren so gut wie vernichtet hatte. Stephan wäre das nicht passiert, aber der wäre auch nie geklettert. Ach, nicht schon wieder Stephan. "Sie müssen lernen, auch ohne Stephan Harry zu sein", hatte ihm doch seine Psychologin Frau Kallwass erklärt.

Harry war zwar mit ganzem Herzen Kriminaler (jetzt ja Detektiv), aber was die Spurenleser da manchmal herausfanden, entzog sich seiner Kenntnis. Er bewunderte immer die Leute in der Gerichtsmedizin und war ein großer Fan von Quincy. Ja, Quincy – der hätte wahrhaftig Derrick öfter mal auf die Sprünge helfen können. Mancher Fall wäre viel schneller gelöst worden. Ob es hier im Ort nicht so einen Quincy gab? Wer war denn der Typ, mit dem Otto Schwily immer kam, wenn es einen Mord gab? Es gab doch mit Sicherheit auch in Brake eine Spurensicherung? Hatte es überhaupt schon mal einen Mord in Brake gegeben?

Hm, und er hatte noch nicht mal eine Digitalkamera, nur so eine uralte Polaroid-Kamera, wo man erst 90 Sekunden warten musste, um ein klares Bild zu haben. Und die hatte er natürlich nicht mit. Eine Plastiktüte auch nicht. Die Spurensicherer hatten doch immer Plastiktüten, in die sie was rein taten, was dann später im Labor angeschaut wurde und meist zur Verhaftung des wahren Täters führte. In jedem Fall brauchte er mal eine Plastiktüte für die BRAVO - und wenn er mit einer Schaufel vorsichtig den Fußabdruck hochhob? Ob das ging? Vielleicht sollte er sich erst mal eine Plastiktüte besorgen, gleich gegenüber in der Metzgerei von Stefan Schwaab. Der immer so breit grinste und aussah, als ob er 32 Zähne hatte (aber alle oben). Damit das nicht so auffiel, kaufte er am besten – als Alibi sozusagen – zwei Schnitzel. Für ihn und Ivan. Martina war Vegetarierin, schade, sie wusste nicht, was ihr entging. Immer nur gegrillte Maiskolben im Sommer. Hm, ein g'scheiter Leberkas wär' jetzt was. Wie oft wäre ihm schon in München immer danach gewesen. Aber Stephan hatte immer die Nase gerümpft, wenn er so was geäußert hatte, und in Grünwald war die Metzgereiendichte nicht so stark. Ob Stefan Schwaab einen Leberkas hatte?

Harry griff nach seiner Geldbörse, die wie immer in der linken Hosentasche steckte. Wenn er sie aufklappte, konnte man zwei Fotos sehen: natürlich Stephan (an seinem 50. Geburtstag, da arbeiteten sie gerade mal ein paar Wochen zusammen) und Martina. Okay, er hatte noch die beiden 5-Euro-Scheine, das reichte sicher für zwei Schnitzel und die Leberkas-Semmel. Und ganz unauffällig nach der Plastiktüte fragen! Pfeifend (ganz unauffällig) ging Harry zur anderen Straßenseite. Nein, er glaubte nicht, dass Dr. Markussen an Altersschwäche gestorben war. Niemals!

Doch bevor er die Tür der Metzgerei öffnen konnte, wurde diese von innen aufgestemmt, Harry fiel hin, eine Tüte mit Fleisch und Zamek-Dosensuppen wurde ihm an den Kopf geschleudert, leicht benebelt sah er eine Gestalt davonlaufen, hinter ihm her lief der wackere Metzgermeister Schwaab, gefolgt von seinem faulen Azubi, die beide "Haltet den Dieb! Polizei!" riefen. Polizei? Wozu das denn? Er war doch da! Harry griff sich die Tüte, die der Dieb ihm an den Kopf geworfen hatte und nahm gemeinsam mit Metzgermeister Schwaab und Azubi die Verfolgung auf. Wer weiß – wer Dosensuppen und Bratwürste klaute, nietete vielleicht auch alte Doktoren um?

 

Leider war es dies auch schon - tvforen nahm diese hoffnungsvolle Serie mit vielen bekannten Gaststars mangels Lesermangel aus dem Programm. Hat diese geniale Serie das verdient? Wie geht es weiter mit Harry, Martina und dem Mord an Dr. Markussen? Und wer hat Metzgermeister Schwaab was geklaut? Wenn Ihr es wisst, meldet Euch! Sachdienliche Hinweise bitte direkt an mich oder im tvforen-Thread.

Home Zurück

Petra Nagel  · Shop · Gästebuch ·  Feedback und Nachricht an mich   ·  Forum ·  Impressum