Ein Artikel aus der Hörzu Nr. 42 aus dem Jahr 1977

Die Alpträume des Thomas Fritsch

 Die Angst, wenn der Vater umjubelt wurde – Die Qual neben der todkranken Mutter –
Die Enttäuschung, als die Pechsträhne begann

(von Karin Wichmann)


Er schminkt sich. Ein neues Image?
Der naive Jüngling von einst existiert schon lange nicht mehr.

Die Leute bleiben stehen und drehen sich neugierig nach ihm um. Der junge Mann ins Jeans und weißer Segeljacke, die blonden Haare von der Sonne ausgebleicht, hastet den Bahnsteig entlang. "Sind Sie der Thomas Fritsch?" fragt eine Frau ein wenig zweifelnd. "Ja", nickt er, schüttelt die Locken und versucht sein berühmtes Jungenlächeln mehr allerdings ist Thomas Fritsch im Augenblick auch nicht bereit zu geben.

Müde verkriecht er sich in einem Abteil des D-Zugs Salzburg-München. Das Lächeln ist jetzt ganz verschwunden. Der Strahleblick dem blanken Zorn gewichen.

Thomas Frisch (33), der Sonnyboy aus der Traumfabrik des deutschen Films der 60er Jahre, hat sich verändert. Der Schock, nach einem herben Sturz aus dem Karriere-Himmel in die Niederungen des Show-Geschäfts, ist ihm deutlich anzumerken. Der Schmelz der Jugend und sein mitreißender Optimismus sind dabei auf der Strecke geblieben.

 

Zwar ist er durch die ZDF-Serie "Drei sind einer zuviel" wieder auf dem Weg nach oben – so ganz zufrieden ist er dennoch nicht. Seine frühen Jahre des Ruhms, seine Fehler, seine Alpträume – die möchte er gern vergessen... 

Da war der Vater, Willy Fritsch, erfolgreicher UFA-Star, geliebt von Millionen Frauen, ein hypochondrischer, ewig unzufriedener Mensch. "Wenn er ganz krank nach Hause kam, hat er nur geklagt, Probleme bei ihm abzuladen, war sinnlos", erinnert sich Thomas.  

Die Mutter, Dina Grace, eine bildschöne und gefeierte Tänzerin, gab den Beruf für ihren  Mann und die beiden Söhne auf. Als Thomas Fritsch 13 Jahre alt war, erkrankte sie an Brustkrebs. Die Mutter-Sohn-Beziehung wurde zur Schicksals-Gemeinschaft. Noch bevor der Vater von der tödlichen Krankheit erfuhr, war der Junge eingeweiht.  

Knapp und bemüht, um Himmelswillen keine Rührseligkeit aufkommen zu lassen, erzählt Thomas Fritsch: "Ich ging mit meiner Mutter zum Arzt. Ich wusste, dass sie sterben wird." Von diesem Tag an lebte er nur noch in einer Traumwelt. "Immer war ich von dem Gedanken gequält: Noch hab’ ich sie – bald nicht mehr. Zwei Jahre lebte ich im Zimmer neben ihr. Nachts voller Angst, dass sie plötzlich sterben könnte, wenn ich nicht bei ihr bin!"  

Und als seine Mutter gestorben war, flüchtete Thomas aus Hamburg. Er wollte nicht mehr zurück ins Elternhaus, wollte keine Erinnerung. "Um Gotteswillen keine Bindung. Nie wieder für einen Menschen verantwortlich sein", schwor er sich. Es dauerte Jahre, bis er wieder normale Beziehungen zu anderen Menschen  aufbauen konnte. Jahre, in denen seine Furcht vor Umklammerungen ihn in den Ruf brachte, kalt und gefühllos zu sein. Sein Verhältnis zu Frauen ist noch heute ein heikles Thema. Die Frauen, die Thomas interessieren, sind meistens sehr viel älter als er.

 

Er weiß, dass auch hier wieder die enge Mutterbeziehung mitspielt. "Alles, was ich für diese Frauen tue, wollte ich wahrscheinlich für meine Mutter tun. Die Blumen, die ich ihnen schenke, die Reise, die ich plane – alles das hätte meine Mutter glücklich gemacht... Ja, ich weiß, da klingt Vater Freud durch!"  

Es fällt Thomas Fritsch schwer, darüber zu reden. "Junge Mädchen", gesteht er schließlich widerwillig, "interessieren mich nicht. Das Gespräch mit einer 40jährigen Frau reizt mich viel mehr als die seelischen Blähungen einer 19jährigen."

Die Anziehung, die ältere Frauen auf Thomas Fritsch haben, liegt, so sagt er – nicht im sexuellen. "Das reizt mich nicht. Es ist mehr das Gespräch, ihr Wissen, ihre Sicherheit."

 


Thomas am 25. Hochzeitstag seiner Eltern (1967).
 Mutter Dinahs Tod konnte er nicht verwinden,
 vom Vater fühlte er sich unverstanden.

Wo immer Thomas Fritsch auftaucht, da sind sie auch, diese fabelhaften Frauen um die 40. Gescheit, schön, ungeheuerlich tüchtig und lebenserfahren – das Ebenbild seiner Mutter. So sehr diese Mutter noch immer sein ganzes Leben bestimmt – so wenig hat Willy Fritsch, der Vater, Einfluss auf seinen Sohn gehabt. "Er war nur charmant und liebenswürdig. Als Vaterfigur war er nicht greifbar. Er war sehr egozentrisch und hat, wie alle charmanten Menschen, nichts wirklich an sich heran gelassen!"

Dann, es war 1965 zur Premiere des Films „Das hab’ ich von Papa gelernt“, passierte das, was Thomas als sein Schlüsselerlebnis bezeichnet. „Mein Vater und ich standen in Hannover auf einem Hotelbalkon. Drunten Tausende jubelnder Menschen.

 

Ich bekam entsetzliche Angst. Panik ergriff mich. Was wollen die von dir, dachte ich. Was erwarten sie? Ich versuchte zu lächeln – alles erstarrte zur Pose. Ich sah meinen Vater an  - er begriff nichts. Sah nicht, was in mir vorging, spürte nicht, wie verzweifelt ich war. In diesem Moment wusste ich: je älter ich werde – desto mehr muss ich lügen. Ich wollte nie mehr dieser brave Junge sein. Nie mehr nach den Wunschvorstellungen anderer leben!" 

Von diesem Zeitpunkt an verließ Thomas das Glück. Er wurde zum Militär eingezogen. Kam zurück und fand keinen Anschluss mehr. Was anfangs noch aussah wie eine Pechsträhne, wurde bald zur bitteren Gewissheit: "Ich war out, niemand wollte mich mehr. Die Freunde fielen von mir ab. Jetzt konnten sie ja nicht mehr mit mir glänzen!" 

In den nächsten Jahren tat Thomas Fritsch alles, um überleben zu können. Er stöhnte in billigen amerikanischen Pornofilmen, spielte miese Rollen und begann seine Gesundheit mit Alkohol und Drogen zu ruinieren. Heute, fünf Jahre nach dieser schlimmen Zeit, merkt man ihm immer noch das Misstrauen und den Hass auf diejenigen an, die ihn einst haben fallen lassen. 

Den Kopf in die Hände vergraben, die Stimme stockend, sagt er: "Ich hätte nie gedacht, dass ich das könnte: hausieren gehen! Mit einer Foto-Mappe unterm Arm, wie ein blutiger Anfänger, bei den Produktionen anzuklopfen ..." 

Einen als Bittsteller erscheinenden Thomas Fritsch war man bereit, wieder in die große Show-Familie aufzunehmen. Dass der in seinem Stolz so tief Gekränkte die Schmach nie wird verwinden können, wird klar, als es ganz zum Schluss dieses Interviews, aus ihm heraus bricht: "So war das also! Nichts berauschendes! Aber was sollte denn schon Großartiges passieren?" Die Wut beginnt ihm fast, die Kehle zuzuschnüren, als er sagt: "Jetzt will ich Karriere machen. Und wenn die Leute sagen, ich sei korrupt – nun gut, ich bin’s. Aber eine Macht beginnt zu wachsen. Und mit dieser Macht wird meine Wut nicht mehr unterdrückt werden! Sie wird eines Tages explodieren, dass die Leute sich wundern werden ..."

Puh, alles ein wenig theatralisch, findet Ihr nicht?

 

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